Predigtnachlese

Es gibt trotzdem aber auch die anderen Momente. Die Momente, die man nicht erklären kann. Es gibt sie, die Momente, in denen jedes Wort falsch und beinah zynisch wäre: Den Hinterbliebenen der Opfer von Brüssel muss ich nichts erklären. Auch nicht dem Mann, der letzten Monat seine Partnerin mit 41 Jahren an Krebs verlor.

Das sind Momente des Schweigens. Und da schweigt auch Gott. Das ist ja eben der grosse Skandal dieser Welt, dass Gott so oft schweigt! Da möchten wir verstehen und suchen nach Erklärungen. Aber die entscheidenden Fragen des Lebens scheinen nicht erklärbar zu sein! Es herrscht Erklärungsnotstand.

Am Samstag, zu Beginn der Osternachtsfeier, werden wir es wieder hören, dass Gott alles gut geschaffen hat. Stimmt das denn überhaupt? Und wenn Gott durch den Paradiesgarten schreitet und ruft, „Mensch, wo bist du?“ (Gen 3,9), möchten wir ihn nicht vielmehr umgekehrt fragen: „Gott, wo bist eigentlich du?“

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die arme Kreatur, die das betet, ist nicht irgendwer. Der das betet, ist vielmehr der, von dem wir glauben: Er ist Gott! Gott ist noch einsamer und verlassener als wir! Er leidet mit uns, unendlich oft und unendlich tief.

Und nein, es gibt kein gutes Leiden und der Tod ist nie sinnvoll! Aber es gibt das Gute, das Gemeinsame, das Solidarische. Dieser Gott ist in Jesus Christus überall, wo das Leben und die Würde seiner Geschöpfe missachtet und geschändet wird. „Gott opfert sich mit seinem Leben und seinem Tod in unser Leben und in unseren Tod. Uns versprochen ist die Solidarität Gottes, die er durchhält bis zum bitteren Ende, bis zum schmählichsten Tod am Galgen. Der verborgene Gott ist erkennbar geworden im Schicksal jenes Menschen aus Nazareth, er hat seine Maske gelüftet.“ (Fulbert Steffensky: http://www.feinschwarz.net/warum-hast-du-mich-verlassen-die-ungeloeste-frage-des-karfreitags/)

Und genau dadurch zeigt Gott seine wahre Grösse! Der Jesus in Zeffirellis Film sagt wirklich nicht viel. Aber genau das ist ganz gross! Wäre er ein wortgewandter Rhetoriker, der dem Pilatus und den Juden eloquent erklären würde, wo der Bartli den Most holt; ich fände ihn genauso abstossend und widerlich, wie diejenigen, die jetzt den Schrecken des Terrors nutzen, um ihre billige Kraftprotzpolitik zu inszenieren.

Der Hl. Ignatius von Antiochien, der selbst wegen seines Glaubens getötet wurde, schreibt in einem Brief: „Das Christentum ist nicht eine Sache der Überredung, sondern der Grösse.“ Dieser Jesus, so wie er da leidend und sterbend und schweigend steht ist zutiefst überzeugend und glaubwürdig. Er strahlt eine Grösse aus, die über alles Irdische und Menschliche und Erklärbare hinaus weist.

An diesen Jesus Christus glaube ich. Und ohne den, der schweigend mit uns leidet, wollte und könnte ich nicht leben! Sein Schweigen ist die ganze Wahrheit – seine und meine. Und auch wenn ich sie nicht verstehe. Mein Herz glaubt sie ihm!

Fulbert Steffensky, der inzwischen in Luzern lebende Hamburger Religionspädagoge zitiert die folgende Geschichte aus einer alten jüdischen Chronik:

Ein alter Jude, ein Emigrant aus Spanien, war mit seinen Kindern und mit seiner Frau auf der Flucht. Die Frau starb. Der Mann trug die Kinder weiter, bis er ohnmächtig niedersank. Als er aufwachte, fand er beide Söhne tot. In seinem Schmerz stand er auf und sprach: „Herr der Welten! Viel tust du, damit ich meinen Glauben aufgebe. Wisse aber, dass ich sogar den Himmelsbewohnern zum Trotz ein Jude bin und ein Jude sein werde. Da wird nichts nützen, was du auch über mich gebracht hast und noch über mich bringen magst.“ Dann raffte er ein wenig Staub und Gräser auf, bedeckte damit die toten Kinder und ging seines Weges, um eine bewohnte Stätte zu suchen.

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