Predigtnachlese

Da wäre es doch gut, einen Berater an der Seite zu haben; jemand, der mit ein bisschen Weisheit und Erfahrung gesegnet ist. Jemand der Sicherheit gibt und ein bisschen mehr Mut.
Im heutigen Evangelium verheisst Jesus uns den Heiligen Geist als Beistand. Im griechischen Urtext heisst er „Paraklet“. Das kann man auch mit „Anwalt“, „Fürsprecher“, „Helfer“ übersetzen. Er, dieser Beistand, wird uns alles lehren und an alles erinnern, so verspricht uns Jesus.

Das wirft ein neues Licht auf Gott:
Gott ist also nicht der strenge Richter, der Krämer, dem ich ein makelloses Leben schulde, damit er mir im Gegenzug am Ende gnädig ist.
Gott ist auch nicht der freundliche Onkel, der bloss gerade nicht mitbekommt, dass die Welt und vielleicht auch mein Leben aus den Angeln gerät.
Gott ist vielmehr gegenwärtig, als Heiliger Geist, als mein Anwalt, mein Beistand, mein Helfer.

Wie bewusst ist uns das? Ich habe den Verdacht, dass wir als Christen oft genau deshalb als so leblos und so abgelöscht empfunden werden. Weil uns die ganze Sache mit dem Glauben zu einer leidigen Pflichtübung geworden ist. Wir sind halt noch dabei. Aber eigentlich sind wir des Ganzen überdrüssig. Oder ehrlicher gesagt: Wir sind Gottes überdrüssig. Hat er nicht diese Fülle von Regeln und Gesetzen erlassen, die uns einschränken? „Du sollst dieses nicht. Du darfst jenes nicht?“
Ist er es nicht, der diese Welt im Stich lässt, weil er ihr nicht helfen will oder nicht helfen kann?
Wenn wir so denken, dann haben wir zurecht einen stummen Groll gegen einen Gott, der unserem Glück im Wege steht und der überhaupt nur nutzlos herumsteht. Und wenn wir ganz ehrlich sind, wäre es besser, es gäbe diesen Gott gar nicht (Raniero Cantalamessa).

Pfingsten stellt diese Bilder von Gott auf den Kopf. Pfingsten kehrt das um! Gott ist anders als wir denken! Das haben wir auch in der Lesung gehört. Wir sind keine Sklaven unseres Gottes, wir sind seine Kinder! So ist das: Ich bin eine Tochter, ich bin ein Sohn Gottes. Spüren wir dem doch einmal nach, was das heisst.

Gott möchte uns wie ein guter Vater und eine liebende Mutter dazu verhelfen, dass unser Leben gelingt. Wie ein Vater und eine Mutter möchte er uns beistehen. Auch er kann uns nicht vor allem bewahren. Aber er möchte uns das Beste geben, was er zu geben hat. Und das ist der Heilige Geist Das ist sein Programm des Lebens!

Im Evangelium, in der Heiligen Schrift, steckt sein Lebensprogramm, nicht als Gesetz, sondern als Perspektive und als Einladung zum Leben. Ob wir es annehmen und ob wir es leben, müssen wir, die Kinder selbst, entscheiden. Gott kann nicht für uns das Leben leben. Wir müssen es leben. Wir müssen und können entscheiden, ob wir bereit sind, sein Lebensprogramm mit Leben erfüllen. Sonst bleibt es tot.
Buchstaben sind, genau wie Gesetze, für sich gesehen tot. Erst wenn sie mit Geist erfüllt werden, werden sie lebendig, dienen sie dem Leben, befreien sie aus Abhängigkeiten. Als mit dem Geist erfüllte Kinder Gottes haben wir eine grossartige Lebensperspektive.
Und diese Lebensperspektive lädt uns ein, hellhörig zu sein und scharfsichtig. Sie lädt und ein, offen zu sein und mutig.
Der Heilige Geist lädt uns ein, ein bisschen mehr und ein bisschen öfter „Ja“ zu sagen als „Nein“ und „Wenn“ und „Aber“.

Wir können sagen:

  • „Ja, mir ist Gott wichtig und daher weiss ich ihn auch und besonders in belasteten Zeiten als Beistand, Anwalt und Helfer an meiner Seite! Ich kann ihn anfragen, wo immer ich bin und zu jeder Zeit und ihn bitten: Zeige mir den Weg, den ich jetzt gehen soll!“
  • „Ja, es gibt in der Flüchtlingskrise viele ungelöste Fragen und gerade deshalb bin ich dankbar, dass mir der Heilige Geist zeigt, was ich ganz konkret dazu beitragen kann, dass es einzelnen Menschen besser geht. Und wenn ich ihn bitte, diesen Heiligen Geist, dann wird er mir auch helfen, meine Trägheit und meine Zaghaftigkeit zu überwinden und es auch wirklich zu tun!“
  • „Ja, da hat mir einer über mitgespielt und jetzt schenkt mir der Heilige Geist die Grösse und den Mut, über meinen Schatten zu springen, den ersten Schritt zu tun, Versöhnung und Frieden zu wagen und seinem und meinem Leben damit eine neue Perspektive zu eröffnen!“

Das ist und das bewirkt der Heilige Geist! Und wenn wir offen für ihn sind, dann wird es lebendig. Dann entsteht neues Leben, neue Gemeinschaft, neuer Glaube, neue Hoffnung, neue Liebe.

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