Predigtnachlese

2018 01 01 neujahrspredigt emma aus dem eis pixabay fee 1957890 «Ein Baby der besonderen Art»

„Emma aus dem Eis“. Ein Baby der besonderen Art bewegte in diesen Tagen die Menschen diesseits und jenseits des Atlantiks. Dass ein Kind durch künstliche Befruchtung zur Welt kommt ist nichts Ungewöhnliches. Dass der Embryo aber 25 Jahre lang eingefroren war und dann einer Frau eingepflanzt wird, die in etwa ebenso alt ist, das ist dann doch eine Erwähnung wert. Und es provoziert ethische Debatten.

Medizinisch ist da alles in Ordnung. Gesundheitliche Bedenken gibt es keine. Auch rechtlich ist alles ok. Dass trotzdem beim einen oder anderen ein komisches Gefühl aufkommt, mag aber ein Beleg dafür sein, dass wir es hier mit neuen Phänomen zu tun haben, deren Auswirkungen wir noch nicht überblicken können. Vergessen wir nicht: Wissenschaft ist eben doch nur der jeweils aktuellste Stand des Irrtums. Wir müssen ehrlicherweise zugeben: Vieles, was in der Zukunft liegt, können wir realistischer Weise nicht vorhersehen. Ob es gut kommt oder nicht, wir haben es nicht in der Hand.

«Wir haben nicht alles in der Hand»

Bei keinem anderen Thema wird uns das so bewusst, wie beim Thema Kinder. Wir können unseren Kindern vieles mitgeben, wir können sorgen und uns mühen. Das meiste haben wir aber nicht in der Hand.
Das hat auch Maria erfahren. Sie empfing ihr Kind unter „mysteriösen Umständen“. Die Geburt verlief prekär. Das Kind ist gefährdet vom ersten Tag an. Was Maria erlebt, was sie hört und spürt, muss für sie extrem verwirrend und beunruhigend gewesen sein. Was wird das Morgen bringen?

Ihre Reaktion darauf überrascht. Sie klingt ziemlich dürftig. Merkt sie nichts? Ist sie naiv? Oder ist sie aus Überforderung schon handlungsunfähig? „Maria (…) bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“
Aber halt! Das Herz ist unser Vertrauensmuskel. Wenn der Verstand nicht weiter weiss, dann – spätestens - wird es Zeit, auf das Herz zu hören. Darum könnte es auch in unserem im Glauben gehen.

«Vom Glauben»

Der Religionsphilosoph Martin Buber unterscheidet den christlichen vom jüdischen Glauben eben in jener Hinsicht:
Für Christen heisst Glauben vor allem „etwas für wahr halten“. Christen glauben an „Dass-Sätze“. Wir glauben, dass es Gott gibt. Wir glauben, dass die Geschichten der Bibel mehr oder weniger wahr sind. Dass es Jesus gegeben hat und dass er für uns gestorben und auferstanden ist. Christen, so Buber, wissen über ihren Glauben einigermassen Bescheid und versuchen sich gemäss dieser Lehre zu verhalten.
Bei Juden gibt es einen kleinen, aber bedeutsamen Unterschied: Wo es den Christen ums Glauben geht, geht es Juden ums Vertrauen. Juden haben Gott in der Vergangenheit als verlässlich und vertrauenswürdig erfahren. Und sie versuchen aus diesem Vertrauen heraus zu leben.

Auch das erkennen wir im Evangelium an den Eltern Jesu: Nach acht Tagen lassen sie Jesus beschneiden. „Die Acht ist die Zahl des glücklichen Anfangs, der Neugeburt, des Neubeginns, der geistigen Wiedergeburt. Sie ist auch die Zahl der Taufe und der Auferstehung, Symbol des Neuen Bundes. Die Acht gilt aber auch als die Zahl der Unendlichkeit.“

Für die Juden Maria und Josef ist klar, dass Gott mit ihnen und ihrem ganzen Volk eine bewegte und aufsehenerregende Geschichte hinter sich hat. Gott hat mit Israel einen Bund geschlossen. Und Gott hält diesen Bund in grosser Treue. Sie schenken mit der Beschneidung ihr Kind ganz bewusst in diesen Bund hinein ein. Glauben heisst für sie der Geschichte Gottes mit uns Menschen zu trauen. An dem Punkt, an dem ihnen als Eltern ihre Grenzen bewusst werden. An dem Punkt, an dem der Verstand nicht weiter weiss. Da, wo sie Neuland betreten, da vertrauen sie sich und die Zukunft Gott an.

«Ein neues Jahr – was erwartet mich?»

Das könnte auch eine Perspektive für uns sein – zumal am Beginn des neuen Jahres. Inne zu halten und zu rekapitulieren, welche Geschichte ich mit Gott habe. Wo hat er mich begleitet? Und wo stehe ich jetzt? Vielleicht ist nicht immer alles rund gelaufen. Und evtl. stehe ich jetzt an einem Ort, den ich mir früher nie hätte vorstellen können. Und was daran kann mich für die Zukunft stärken, für das, was bei mir als Nächstes ansteht und auch für das, was ich jetzt noch gar nicht voraus sehen kann?

Am Beginn eines neuen Jahres stehen oft gute Vorsätze. Nie sind die Fitnessstudios voller als im Januar. Ich wünsche uns allen, dass wir neben unseren Arm-Bein-Bauch- und Rückenmuskeln auch unseren Vertrauensmuskel trainieren: unser Herz.

Das Mädchen aus dem Eis heisst Emma. Emma ist die weibliche Form für Emanuel. Und Emanuel heisst: „Gott ist mit uns“. So oder so: Er ist es, auch jetzt und ganz bestimmt im neuen Jahr!

(Predigt zu Neujahr 2018 über Lk 2, 16-21 von Christian Kelter)