Predigtnachlese

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«Gedenke Mensch, dass du Staub bist. Und zum Staub kehrst du zurück.»

Ich mag diesen Satz. Er prägt den Aschermittwoch. Und ich verstehe ihn so: Er will mich nicht klein machen. Er will mich daran erinnern, dass ich nicht Gott bin. Er will mich daran erinnern, dass ich geschaffen bin, dass ich ein Teil von Gottes Schöpfungsplan bin. Denn er hat alles geschaffen, aus dem Staub, aus dem Nichts. Was muss das für ein grosser, was muss das für ein erstaunlicher Gott sein! Und dieser Gott hat einen Plan. Und ich bin ein Teil davon. Als Mensch!

«Menschsein»

Was macht mich denn aus als Mensch? An was erkennt man, dass ich Mensch bin? Der israelische Historiker Yuval Noah Harari benennt in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ drei Punkte, die die Weiterentwicklung des Menschen vom Affen zum Home sapiens auszeichnen:

  • • Die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken.
  • Die Fähigkeit, mit anderen zu kooperieren.
  • Die Fähigkeit, sich selbst zu übersteigen.

Darum ist es Gott also gegangen, als er uns als Menschen schuf. Das sollen wir sein und leben.

Aber was sagt Jesus denn dazu? Er gibt uns im Evangelium heute drei Hinweise, die genau in diese Richtung gehen:

«Wir sollen Fasten.»

Beim Fasten geht es nicht ums Abnehmen. Es geht auch nicht darum, dass Gott uns alles Schöne missgönnt und uns Druck macht, darauf zu verzichten. Das habe ich früher noch so gelernt. Aber es stimmt nicht! Gott möchte vielmehr, dass wir das Leben haben und es in Fülle haben. Und zum Leben gehört, dass ich über mich selbst nachdenken kann: Was brauche ich – ich meine, so wirklich? Von was komme ich nicht los – und doch leide ich genau daran immer wieder? Wo mache ich mir etwas vor – flüchte ich mich in Illusionen? Wo vermeide ich – schiebe ich etwas vor, um mich vor etwas anderen, was dran wäre, zu drücken?

Fasten heisst, mal bewusst auf etwas zu verzichten. Das kann wirklich sinnvoll sein. Weil es mir helfen kann, Prioritäten zu setzen. Und selbst wer nicht so gut fasten kann – und ich bin so einer, der ganz schlecht ist im Fasten: Allein der Aufruf zum Fasten kann in mir auslösen, dass ich beginne über mich selbst nachzudenken. Ich kann mich innerlich von mir selbst distanzieren. Ich bin dann mehr als meine Bedürfnisse. Ich werde frei von mir selbst. Und dass bedeutet einen Zuwachs an Lebensqualität. Wer fastet wird Mensch.

«Wir sollen Almosen geben.»

Das Wort klingt altmodisch. Es stammt aus dem Griechischen und heisst so viel wie „Mitleid“, „Mildtätigkeit“. Der eben erwähnte Yuval Noah Harari betont, dass es vielleicht die entscheidenste menschliche Eigenschaft ist, dass wir mitfühlen können mit anderen und dass wir uns für andere engagieren können und mit ihnen zusammen arbeiten können. Das ist wahres Menschsein. Nur für sich selbst schauen, für die eigene Sippe, die eigene Familie, die eigenen Nation, das tun auch Schimpansen. Menschlich handeln wir erst, wenn wir mit anderen mitfühlen und ihnen helfen, besser zu leben.
„Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut.“, sagt Jesus. Ob wir Almosen geben sollen oder nicht stellt er gar nicht zur Debatte. Wir müssen es wenn wir Menschen sein wollen. In der Fastenzeit können wir uns aber fragen, wie wir das am schlausten tun. Und es dann tun. Wer Almosen gibt wird Mensch!

«Beten sollen wir.»

Wer betet kommuniziert. Wer betet bleibt nicht allein. Es ist Gottes grösster Wunsch, dass wir in Beziehung zu ihm leben. Und er erwartet uns nicht als Mrs. oder Mr. Perfect. Gott erwartet uns als das, was wir sind: Menschen.
Es zeichnet uns Menschen aus, dass wir uns mitteilen können – anderen Menschen und Gott! Wir müssen nicht allein bleiben mit dem, was uns beschäftigt, mit dem, an dem wir nagen und was unser Herz bewegt. Dazu sollen wir – so Jesus – in unsere Kammer gehen. Das heisst nicht Rückzug in die Einsamkeit und Isolation. Vielmehr können wir still werden und spüren, was uns wirklich bewegt. Wir können tiefer gehen. Wir müssen nicht beim Smalltalk stehen bleiben. Die Fastenzeit ist eine Chance zu entdecken, welche guten Gesprächspartner es gibt: Menschen mit denen wir reden und beten können. Und Gott, der immer ein offenes Ohr hat für das, was wir ihm sagen möchten. Wer betet wird Mensch!

«Gedenke Mensch, dass du Staub bist. Und zum Staub kehrst du zurück.»

Wenn Gott es geschafft hat, dass aus Staub Leben entsteht, dann ist das ein Geschenk und eine Aufgabe zugleich. Es darf uns mächtig freuen, dass wir Gottes geliebte Menschen sind! Es darf uns aber auch animieren, dass wir das mit Leben erfüllen: „Gedenke, dass du Mensch bist!“

Predigt zu Aschermittwoch am 14. Februar 2018 – Predigtext: Mt 6, 1-6- 16-18 – Christian Kelter