Predigtnachlese

weinrebenkapelle

«Die Hochzeitskapelle»

Wenn wir im Pfarramt Anfragen für Hochzeiten oder Taufen bekommen, dann steht die Weinrebenkapelle ganz hoch im Kurs. Mich verwundert das nicht, denn es ist eine wirklich schöne Kapelle, und die Aussicht von hier ins Tal ist wunderbar.
Wer von euch hat denn hier geheiratet? Wer von euch ist hier getauft worden oder hat sein Kind hier taufen lassen – oder hat sonst schon mal eine Taufe hier gefeiert? Die Weinrebenkapelle ist ein Ort an dem wir ganz viele freudige Ereignisse feiern.

«Wovon die Kerzen erzählen»

Wer von euch hat schon einmal einer Kerze hier in der Kirche angezündet? Jetzt habe ich eine schwierigere Frage – und wer richtig liegt, der darf sich nachher beim Apero das erste Glas Chäppeliwein abholen. Wie viele Kerzen glaubt ihr, werden pro Jahr allein hier in der Weinrebenkapelle angezündet?
Es sind etwa 16 000 Kerzen. 16 000 Kerzen! In allen unseren drei Kirchen und Kapellen sind es im gesamt pro Jahr +/- 25 000 Kerzen. 16 000 Kerzen angezündet von Spaziergängern, die hier einfach vorbeilaufen, angezündet von Grosseltern, die ihren Enkeln die Kirche zeigen, angezündet von Eltern die sich um ihre Kinder sorgen, angezündet von Wiederholungstätern, die jeden Tag oder jede Woche nach dem Gottesdienst eine Kerze nehmen. Angezündet von Menschen, die danken wollen, die ein Anliegen haben oder die sich in ihrer Verzweiflung nicht weiter wissen.

«Ein Ort des Leides»

So viel Schönes an diesem Ort passiert, so viel Leben wie hier gefeiert wird – umso mehr ist diese Kapelle ein Ort zu dem ganz viel Leid getragen wird. Wir brauchen solche Orte. Eine Kerze im Wohnzimmer anzuzünden – ist auch gut – aber es ist etwas Besonderes – die Kapelle, der Ort an dem Gott wohnt, der Ort an dem wir ihm auf besondere Weise begegnen können. Ein Ort an dem eine Begegnung möglich wird.

«Jairus und seine Tochter»

Unser heutiges Evangelium erzählt von zwei Begegnungen. Der Vater Jairus – und die namenlose Frau. Beide tragen unglaubliches Leid mit sich. Die Tochter des Jairus ist sterbenskrank. Ein Kind auf dem Sterbebett – damals wie heute – ein unfassbares Leid.
Ich kann mir die Verzweiflung des Jairus kaum vorstellen – er fleht, er wirft sich vor Jesus hin und bittet ihn mit aller Inbrunst, seiner Tochter die Hände aufzulegen.
Vielleicht können manche von uns dem Jairus nachfühlen, wenn eine Diagnose einem das eigene Leben oder das Leben eines geliebten Menschen rauben will. Den Tod vor Augen: wie flehen und hadern, beten und hoffen wir. Die Geschichte wird unterbrochen, denn die nahende Rettung, Jesus, wird aufgehalten.

«Aufgehalten»

Eine Frau. Auch sie hoffnungslos erkrankt, drängt sich an ihn. In ihrer Hoffnungslosigkeit hat sie sogar ihre eigene Würde aufs Spiel gesetzt, denn zum Arzt zu gehen ist kultisch verboten, denn Jahwe allein ist der Arzt. Im Gedränge erhofft sie sich eine Berührung mit dem Wunderheiler Jesus, sie berührt sein Gewand. Sie wird geheilt. Aber es ist keine Magie, keine Wundermacht oder Zaubertrick.
Jesus spürt es und damit wirkliche Heilung passiert, muss er dieser Frau im ganz persönlichen Rahmen begegnen. Er schaut sie an – sie erzählt im alles, die ganze Wahrheit. Dann spricht er sein rettendes Wort. Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.
Doch während die eine gerettet wird, stirbt die andere. Unsagbares Leid für die Eltern. Es ist der Tiefpunkt unserer Geschichte, es ist der Tiefpunkt im Leben eines jeden Vaters, jeder Mutter, der oder die ihr totes Kind im Arm halten muss.

«Das Ender der Hoffnung?»

Für die Menschen der Zeit Jesu und auch heute hörte hier die Hoffnung auf. Tod. Aus Schluss. Vorbei! Was soll da noch ein Wunderheiler, die Macht des menschenmöglichen ist fertig. Das Jesus verlacht wird, als er trotzdem geht, ist klar – was will er denn noch? Jesus fordert den Synagogenvorsteher zum Gottvertrauen auf. In der absoluten Hoffnungslosigkeit. „Sei ohne Furcht, glaube nur!“ Was ist das für eine unglaubliche Forderung, was ist das für ein Hohn?
Am Tiefpunkt: „sei ohne Furcht glaube nur!“ Das Wunder das dann geschieht sprengt den Rahmen. Jesus sprengt den Rahmen des Todes. Er holt das Kind zurück ins Leben. Er muss nicht Gott bitten, er muss kein Zaubertrick anwenden, er ist mehr als ein Heiler oder Wundertäter: er ist Gott, denn nur er kann den Tod besiegen.

«Nicht am Kreuz vorbei»

Wenn sie in die Weinrebenkapelle gehen, was hängt da im Chorbogen? Wir haben da das schöne Bild von der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria aber unübersehbar: das Kreuz.
Ein Kreuz. Mal ehrlich, auch wenn wir uns an den Anblick des Kreuzes so sehr gewöhnt haben, es ist ein furchtbarer Anblick, ein gefolteter, gequälter und hingerichteter Mensch. Doch das ist die Hoffnung unseres Glaubens. Die vielen schönen Feiern, die Taufen und Hochzeiten, die wunderschönen Blumen mit der wir die Kapelle dann schmücken, sie können von diesem Bild nicht ablenken und es lässt sich nicht beschönigen. Das Kreuz hängt über dem Paar, dass sich das Ja- Wort gibt, das Kreuz hängt über dem Baby das getauft wird und den überglücklichen Eltern. Ich bin froh, dass uns dieser Anblick nicht genommen wird. Ich glaube, viele der 16000 Menschen die jährlich in diese Kapelle oder in sonst einer Kirche zum Beten kommen, halten sich in den Wunden Jesu fest. Das Kreuz als Zeichen dafür wie weit die Liebe Gottes geht. Jesus der selbst im tiefsten Leid sagt: „Vater in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Gott als einer, der aus dem Tod rettet.

«Noch einmal - Freud und Leid»

Jetzt ist heute so ein schöner Tag und ehrlich, als ich den Text das erste Mal gelesen haben – dachte ich mir so ein Mist! Mir wäre ein schönes, ungefährliches Gleichnis über den Weinberg oder über die Schönheit der Blumen auf dem Feld, oder wie sehr Jesus die Kinder liebt doch viel passender gewesen, als so ein Text, der uns in so tiefes Leid führt. Doch ich bin froh, dass die Leseordnung uns heute genau diesen Text serviert hat, denn wenn man es zusammenzählt sind die schönen Ereignisse, die hier gefeiert werden, nichts im Vergleich zu dem Leid das hier tagtäglich hergetragen wird.
Der Glaube an Gott kommt dann zum Tragen, wenn die Sonntage des Lebens verdrängt werden, und wir voller Angst, Trauer, oder Verzweiflung, mit Depression oder Burnout, mit Existenzängsten oder Heimatlosigkeit, in dieser Kapelle unsere Kerze anzünden.

«Ohne Furcht - Glaube!»

Sei ohne Furcht, glaube nur. Wie gut, wenn wir uns dann an diese Worte Jesu klammern und ihn anflehen dürfen, sein Wort wahrzumachen.
Es ist wunderschön, denn die 25 000 Kerzen im Jahr, die allein in unserer Pfarrei angezündet werden, sind ein brennendes Zeugnis für den Glauben und die Hoffnung hier mitten unter uns. Denken wir doch das nächste Mal, wenn wir eine Kerze hier oder dort entzünden, an genau diese Worte: Sei ohne Furcht, glaube nur! Amen.

Predigttext:   Mk 5, 21-43