Predigtnachlese

In seiner Weihnachtsansprache hat Papst Franziskus von der „Zärtlichkeit Gottes" gesprochen. Das macht hellhörig. Das ist ungewohnt und neu. Das klingt so weich. Die Welt braucht mehr Zärtlichkeit, sagt der Papst. Und seine Frage ist gleichsam schon eine Aufforderung wenn er fortfährt: „Haben wir den Mut, mit Zärtlichkeit die schwierigen Situationen und die Probleme des Menschen neben uns mitzutragen, oder ziehen wir es vor, sachliche Lösungen zu suchen, die vielleicht effizient sind, aber der Glut des Evangeliums entbehren?"1

Davor, dass Fragen der Menschenrechte und der Menschenwürde versachlicht werden, habe ich schon in meiner Weihnachtspredigt gewarnt. Noch klarer sagt es der Berliner Historiker Paul Nolte, wenn er erinnert, dass eben eine radikale Sachlichkeit in letzter Konsequenz in den nationalsozialistischen Judenmord mündete, eine „Ausblendung der Moral zugunsten von Sekundärtugenden."2

Sekundärtugenden dienen vor allem der praktischen Bewältigung des Alltags. Wir können sagen, sie gewährleisten quasi den „störungsfreien" Betrieb einer Gesellschaft. Aber störungsfrei heisst noch lange nicht gut. Fleiß, Treue, Gehorsam, Disziplin, Ordnungsliebe, Sauberkeit etc. haben für sich noch keinen ethischen, geschweige denn christlich/moralischen Wert. Das haben allein die sogenannten Primärtugenden: Gerechtigkeit, Masshalten, Tapferkeit bzw. Grossherzigkeit sowie Weisheit bzw. Klugheit.
Zu Recht erinnert Bischof Markus Büchel in seiner Botschaft zum heutigen Weltfriedenstag die Schweizer Politikerinnen und Politikern daran: Nicht nur die nationale Gesetzgebung muss sich an den Primärtugenden orientieren. Auch zwischenstaatliche und internationale Institutionen sind von elementarer Bedeutung weil sie die Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen ermöglichen.

Der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz meint mit seinem Appell insbesondere die SVP-Initiative, die Schweizer Recht über internationales Recht stellen will. Eine Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) wäre ein Signal, das mit dem christlichen Glauben wohl kaum vereinbar ist. Das hatte in ähnlicher Form schon Papst Franziskus deutlich gemacht, als er den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als das «Gewissen Europas» bezeichnete. Wir brauchen heute mehr denn je ein waches Gewissen. In jeder Hinsicht!

Wir alle müssen in dieser Welt Verantwortung wahrnehmen für gerechte Wirtschafts- und Handelssysteme - «sei es als Konsumenten, als Unternehmer oder als Politiker».3
Die Welt braucht im Jahr 2015 mehr Zärtlichkeit als Sachlichkeit. „Das Leben muss mit Güte, mit Sanftmut, angegangen werden." 4 Wie vieles würde anders verlaufen, wenn wir uns, bevor wir handeln, einmal in die Haut desjenigen versetzten, den unser Handeln betrifft.
Niemand - wirklich niemand – von uns weiss, was das kommende Jahr bringen wird. Vielleicht kommt es daher, dass wir uns am heutigen Tag so gerne „Alles Gute" wünschen.

Dass die Kirche am allerersten Tag des Jahres das Hochfest der Gottesmutter Maria begeht, passt gut zu diesen Wünschen: Maria erinnert uns mit ihrem Schicksal nämlich daran, dass uns trotz aller Ungewissheiten ein gutes Ende versprochen ist. Nicht Abschottung, nicht Konkurrenzkampf, nicht jeder gegen jeden sind das Ziel des Menschseins.
Unsere Bestimmung ist es, dass wir alle heil werden, dass unser Leben heil und voll und ganzheitlich wird. Dazu gebe Gott uns allen heute seinen Segen.

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1 http://de.radiovaticana.va/news/2014/12/24/christmette_gott_ist_in_unser_kleinsein_verliebt/1115949
2 Paul Nolte: Verblüht, in Cicero. Magazin für politische Kultur, No. 11, 2014, S. 42ff.
3 http://www.bischoefe.ch/dokumente/botschaften/papstbotschaft-1.-januar-2015
4 Noch einmal Papst Franziskus in der oben zitierten Predigt.

 

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