Predigtnachlese

2019 04 19 karfreitag

«Wie haben wir uns an dich gewöhnt…»

Es ist wieder mal Karfreitag. Wir hören von Jesu Leiden und Tod, wir beten ausführlich, wir enthüllen und verehren das Kreuz. Und...? Was sonst? Es wird wohl sein, wie an jedem Karfreitag.
Mir kommt neuerdings oft das Kreuz in der Langrüti in den Sinn. Die meisten von uns kennen es, kommen regelmässig daran vorbei. Wahrscheinlich nehmen wir es kaum noch wahr. Zu selbstverständlich ist es uns geworden. Dabei warnt es uns genau davor!

„Mein Gott, wie haben wir uns an dich gewöhnt“ steht drauf und will daran erinnern, dass wir uns nie an Gott gewöhnen dürfen und dass wir uns - wollen wir ihn ernst nehmen - nie an diesen Gekreuzigten gewöhnen können. Man kann es nicht deutlicher machen, als Heiner Wilmer. Er ist gerade frisch zum Bischof im deutschen Hildesheim geweiht worden. In einem seiner Bücher* schildert er, was er vor ein paar Jahren in einem Münchner Museum erlebte.
In der Ausstellung sieht er schon von weitem die Darstellung eines Gekreuzigten. Er geht näher heran, um sich die Szenerie anzuschauen. Doch statt Jesus, hat der Künstler einen Hund ans Kreuz geheftet. Das Tier hängt verkehrt herum mit dem Kopf nach unten. Die Hinterläufe sind rechts und links an die Querbalken genagelt. Zwischen den Beinen des Rüden baumeln seine Hoden – da, wo Jesus den Kopf hätte. Heiner Wilmer ist entsetzt! «Das ist eine Zumutung! Geschmacklos. Als hätte sich ein Sadist an dem Hund vergangen, Spass an der Qual, Lust am Leid.» Wie kann man so etwas zeigen und sich anschauen – noch dazu in einem seriösen Museum?
Doch bald schon wandelt sich sein Entsetzen. Plötzlich ist er über sich selbst schockiert. Was wäre gewesen, hätte dort wirklich Christus am Kreuz gehangen? Er hätte sich nicht geekelt, er hätte sich nicht entsetzt? Er hätte gedacht: „Ah, wieder einmal eine Christusdarstellung. Religiöse Kunst: Schön.“

«Jesus am Kreuz – eine Scheusslichkeit»

Schon so oft haben wir Christus am Kreuz gesehen. Sein Anblick ist uns selbstverständlich geworden. Mein Gott, wie haben wir uns an dich gewöhnt!
Da braucht es schon einen gekreuzigten Hund, um klar zu machen, was eine Kreuzigung eigentlich ist! Eine der grössten Scheusslichkeiten, die wir uns vorstellen können. Ein abscheuliches Beispiel dafür, was Menschen einander antun können.
Wir alle gehen allzu selbstverständlich mit dem Gekreuzigten um. Ich fürchte, je mehr wir zum inneren Zirkel der Kirche gehören, desto routinierter. Viele in der Kirche scheinen nicht (mehr) zu spüren, was Gott uns am Kreuz eigentlich sagen möchte. Das Kreuz dient dann zu allerhand. Am schrägsten kommt das zum Ausdruck, wenn Menschen das Kreuz benutzen, um damit (Macht-)Politik zu betreiben.
Bei den meisten von uns ist es anders, harmloser - aber wir werden Jesus Christus gleichwohl nicht gerecht. Weil wir lieber das Schöne sehen, schauen wir nur auf manche seiner Seiten. Wir sehen den guten Hirten, der seine Schafe weidet. Wir freuen uns am Wunderheiler, der gut zu allen ist. Aber Jesus ist eben mehr.

«Der Realität ins Auge schauen»

Der Gedanke, dass Gott als Kind geboren wird, ist für sich genommen schon eine Sensation und Provokation. In der Art wie wir Weihnachten feiern, wird kaum etwas von dieser Brisanz deutlich. Hinter dem niedlichen Kind in der Krippe steckt unendlich viel mehr, als ein Fest mit Tannenduft und Lichterglanz.
Später wird Jesu ganzes öffentliches Wirken ein Kampf und ein Krampf sein. Er verweigert sich Normen, er verstösst gegen Gesetze. In seinem Gefolge fehlen die Frommen und auch die Intellektuellen. Stattdessen finden wir Handwerker, Huren und Steuerbetrüger. Dieser Jesus macht alles anders. Gerade das macht ihn für einige so anziehend. Und für die Mehrheit nicht tragbar. Er ist nicht mehr und nicht weniger als ein ausgewachsener Bürgerschreck. Jesus Christus ist der Antipode jeder bürgerlichen Gesellschaft und jeder religiösen Bourgeoisie.

«Weichgespült…»

Sein Tod am Kreuz toppt aber auch das noch. Am Holz wird Jesu Botschaft so konkret, wie es konkreter nicht mehr geht: Frieden siegt gegen Gewalt. Liebe gegen Hass. Treue siegt gegen Verrat. Leben gegen den Tod.
Jesus führt uns nicht nur vor Augen, was Menschen mit Gott machen können. Jesus zeigt aus auch, wie anders Gott ist und was er an uns wirken könnte, liessen wir es zu.
Und jetzt? Wir haben uns daran gewöhnt. Nein, schlimmer vielleicht, wir haben es vergessen. Wir haben die Revolution weichgespült. Wir haben ein System, eine Institution daraus gemacht. Und wir haben Gott damit sämtliche Strahlkraft genommen.
Aber das ist es nicht. Und wir sollten anfangen, uns an den Gedanken zu gewöhnen: Gott will es anders und vor allem: Gott ist ganz anders.

«Einfach un-gewöhnlich»

Wie er ist, ich kann es auch nicht sagen. Ich weiss es nicht. Doch ich bin sicher, er ist anders, als wir ihn uns gedacht und gemacht haben.Gott ist unendlich grösser und freier als unser Denken. Er ist offener und weiter als unsere Systeme. Er sprengt jeden Katechismus. Er ist zu hoch für uns. Wir können uns nicht an ihn gewöhnen.Am Karfreitag lohnt es sich, ihn einfach anzuschauen und für einmal alles Denken, Einordnen und Beanspruchen sein zu lassen.Ein Satz von Dietrich Bonhoeffer ist mir in dieser Fastenzeit wichtig geworden: „Christus ist nicht in die Welt gekommen, dass wir ihn begreifen könnten, aber dass wir uns an ihn klammern, dass wir uns hinreissen lassen in das ungeheure Geschehen der Auferstehung.“(* Heiner Wilmer, Gott ist nicht nett. Ein Priester auf der Suche nach dem Sinn, 2. Auflage, Freiburg i.Br. 2018, S. 21f.)