Predigtnachlese

2019 04 21 osterpredigt

«Es brennt...»

Wie habe ich gestaunt: In Paris brennt die Kathedrale und die Welt ist entsetzt und hebt zu einer gewaltigen Welle der Solidarität an. Innerhalb kürzester Zeit kommen über 700 Millionen Euro zusammen, um die Kirche wieder aufzubauen. Das ist toll. Darüber darf man sich wirklich freuen. Wer hätte gedacht, dass eine Kirche – zumal in Frankreich - solch eine Energie freisetzt.
Andersherum kann man sich auch wundern: Was könnte man mit dieser Solidarität und diesem Geld sonst noch machen! Im Jemen sind Millionen vom Hungertod bedroht, das Weltklima siecht vor sich hin. Es ginge also! Was wäre wenn? Ein bisschen mehr Solidarität und finanzieller Einsatz? Aber ich möchte nichts gegeneinander aufrechnen und vor allem nichts abwerten.

«Die Frage nach der Motivation»

Interessanter ist die Frage nach den Motiven. Was motiviert Menschen, sich für den Wiederaufbau dieser Kirche einzusetzen? Ist es die Sehnsucht nach dem Gotteshaus mitten in der Stadt? Geht es schlicht darum, Kultur zu erhalten? Ist Notre Dame gar ein Symbol für alles, was wir neuerdings alles mit dem sog. christlichen Abendland verbinden? Sind wir jetzt über Nacht alle konservativ geworden und wollen bewahren, wollen zurück haben, was unwiederbringlich vorbei ist?

«Die Kirche brennt»

Mich hat die brennende Kathedrale aber auch an unsere Kirche als Glaubensgemeinschaft erinnert. Die brennt auch und schon lange. Die Nachrichten über Missbräuche und ihre Vertuschung haben sehr viel zerstört. Und sie machen uns überdeutlich: So geht es nicht mehr weiter. Diese Gestalt einer hierarchisch verfassten Kirche, dominiert von Männern, die zölibatär (oder eben nicht) leben, diese Gestalt von Kirche ist an ihr Ende gekommen. Die Fassade bröckelt und stürzt ein. Und in ihrem Inneren ist längst schon so einiges verglüht. Zu viel ist nur noch Schall und Rauch. Wir stehen am Scheideweg.

«Reisst den Tempel nieder»

Das Johannesevangelium (Joh 2,19-22) berichtet, dass Jesus das mehrdeutig voraussagt: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Darauf dürfen seit Ostern vertrauen. Nicht nur Jesus Christus selbst ist nach Ostern der Andere. Auch wir als Christengemeinde sollen nach Ostern anders sein. Ostern heisst nicht: Wir bauen einfach das Alte wieder auf und tun so, als ob nichts gewesen wäre. Es gibt in der Kirche diese Kräfte, die jetzt einfach wieder die alte Fassade aufstellen möchten, die die Institution schützen wollen und denen die Menschen in ihrem Innern völlig egal sind. Ach könnten auch sie nach Ostern zu neuen Menschen werden.

«Ostern fordert Veränderung»

Den Propheten Jesaja lässt Gott sagen: „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43,19).
Und ich meine, wir könnten schon viele Anzeichen einer neuen Welt nach Ostern sehen. Wie Frühblüher nach einem langen Winter zeigen sie sich und werden doch gerne übersehen.

«Eine Welt - voll von Gott»

Ich mache die Erfahrung, Menschen fragen zunehmend nach Sinn und nach dem, was wirklich zählt im Leben. Viele begreifen, dass der Wandel und die Veränderungen, die wir erleben, kein passiv zu erleidendes Schicksal sind, sondern, dass man sie aktiv mitgestalten und steuern kann.Und auch sonst: Die Welt ist besser geworden! Nie ging es der Mehrheit der Menschen so gut, wie jetzt. Nie starben weniger in Kriegen oder an Hunger, als jetzt. Nie zuvor wurden die Menschen so alt, wie wir jetzt. Noch nie haben sich so viel Menschen eingesetzt und engagiert, für andere, für Frieden und Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Schöpfung.

Das sollten wir sehen und es schätzen und uns daran freuen. Und das heisst: Gott wirkt nach wie vor in seiner Welt und motiviert und befähigt Menschen, sie noch besser zu machen. Ich glaube, es ist wichtig, dass ihr und Sie alle das wisst! Ihr tut so viel, was im Sinne Gottes und im Geist des Evangeliums ist. Menschen wie euch bezeichnet Jesus als seine Schwestern und Brüder. Auch dank euch ist die Welt voll von Gott.

Wenn ausgerechnet führende Kirchenvertreter in diesen Tagen meinen, die „Abwesenheit Gottes“ zu diagnostizieren, wenn sie den Menschen Unglauben vorwerfen, dann macht mich das sprachlos und wütend.
„Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) sagt Jesus nach Ostern. Und ich glaube ihm das! Der Auferstandene ist immer da!

«Neu - Aufbau»

Und jetzt geht es also ans Aufbauen. Und da ist eben nicht zuerst die äussere Hülle wichtig. Wichtig ist, was von innen her gelebt werden möchte. Wenn wir jetzt im 21. Jahrhundert (zum Beispiel hier in Hünenberg) Kirche bauen wollen, dann sollten wir zuerst schauen, was hier sein soll und sein möchte. Zu was möchte Gott uns hier an diesem Ort führen? Was hat er hier mit uns vor? Wie können wir sein Evangelium hier ganz konkret leben? Das müssen die ersten Fragen sein. Und erst wenn wir die beantwortet haben, können wir daran gehen, dafür eine Struktur zu schaffen und Regeln aufzustellen.

Kirche muss heute anders aussehen und anders gelebt werden, als vor 20 Jahren und vor 200 Jahren und vor 2000 Jahren. Weil die Menschen und die Welt anders sind! Im Sommer werden wir hier in der Pfarrei noch einmal grosse Veränderungen erfahren. Simone und Tobias Zierof werden eine eigene Pfarrei übernehmen und auch P. Julipros muss uns verlassen. Das ist traurig und schade. Aber es geht weiter. Und wir können daran wachsen.

Schliesslich ist es Ostern! „Seht her, nun mache ich etwas Neues.“ Ich möchte euch und Sie alle animieren, dass ihr euch mit mir und uns einsetzt, dass wir hier miteinander Kirche weiterentwickeln können – hin zu mehr Freiheit und Eigenverantwortung, hin zu mehr Miteinander, hin zu den Menschen, vor allem auch zu denen, die wir bis jetzt noch nie erreichen konnten.

«Wie froh wäre ich, das Feuer würde schon brennen»

Es gibt noch viel zu tun und wir haben unendlich viele Chancen! Der Auferstandene ist in unserer Mitte! Er geht uns voraus! Wenn wir darauf vertrauen, dann brennt es lichterloh - in unserer Herzen und in der Kirche. Denn er ist „gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre er (ich), es würde schon brennen“ (Lk 12,49), Das wäre ein echtes Osterfeuer!