Predigtnachlese

2019 05 04 predigt«Sie erkennen ihn nicht»

Fast könnte man verzweifeln. An allen drei Sonntagen berichten die Evangelien von Menschen, die Jesus nicht erkennen. Ist es so schwer, den Auferstanden zu finden? Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Der «ungläubige» Thomas. Und heute Petrus und seine Fischerkollegen. Sie waren doch aus Jesu nächstem Freundes- und Jüngerkreis. Und erkennen ihn nicht!

Wenn das so ist - was heisst das dann für uns? Wie schwer ist das denn? Haben wir überhaupt eine Chance, Jesus in unserem Leben zu finden?

«Vorsicht Alltag!»

Schauen wir genauer hin! Eines verbindet sie ja: Alle Freunde und Jünger Jesu gehen nach Ostern auffällig schnell zur Tagesordnung über. Als wäre nichts gewesen.
Die zwei Jünger kehren zurück in ihr Dorf. Für sie heisst es game over. Es ist aus und vorbei. Sie gehen dahin, wo sie hergekommen sind. Sie sind enttäuscht von Jesus. Ausser Spesen nichts gewesen.
Ähnlich auch Thomas. Er hatte sich aus der Jüngerschar verabschiedet. Er schaute sporadisch noch mal rein. Aber Jesus, der Sinn der Sache, war ihm im doppelten Sinn des Wortes abhandengekommen.
Und heute sind es Petrus und seine Freunde. Sie sind zurück im Fischeralltag. Das Fest ist vorbei – nun denn, das Leben muss weiter gehen.
Mir scheint, das ist ein erster Hinweis: Nach Ostern darf es eben nicht weiter gehen, wie zuvor. Jetzt muss alles anders sein. Weil Gott durch die Auferstehung doch alles verändert hat. Wer jetzt, nach Ostern, ins Alte fällt, wer aus Ostern keine Konsequenzen für sich zieht, der wird offensichtlich Mühe haben, Gott in seinem Leben zu entdecken.
Die Jünger machen aber erstaunliche Erfahrungen. Gott hilft ihnen auf die Sprünge. Jesus ergreift die Initiative. Er reisst sie heraus aus ihrem neuerlichen Trott. Und das darf auch uns ermutigen:

«Lass dich überraschen!»

Quasi einen ganzen Tag lang laufen die Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus neben Jesus her. Sie erkennen ihn aber nicht. Zwar spricht sie einer an. Er geht mit. Er versteht sie. Er eröffnet ihnen neue Dimensionen. Dass das aber Jesus, der Auferstandene, Gott, sein soll, damit rechnen sie nicht.
Das ist der erste Tipp auch für uns: Da, wo du mit nichts rechnest, bei Menschen, von denen du nichts erwartest; sei da ganz besonders aufmerksam. Gott zeigt sich oft unerwartet. Gott überrascht. Durch Menschen, von denen du nichts erwartest, könnte gut und gerne Gott zu dir sprechen! In Situationen, in denen du meinst, sie hätten nichts mit Gott zu tun. Da kann er sich dir zeigen und plötzlich spürst du: Ich bin nicht allein. Er war schon immer da. Ich habe ihn bloss nie bemerkt.

«Lass dich berühren!»

Beim Apostel Thomas ist es anderes. Ihm reichen mündliche Zeugnisse und Erzählungen nicht. Er braucht etwas Handfestes. Und Jesus nimmt das wörtlich.

«Also, berühre mich, Thomas. Wenn du sehen und fühlen musst, um an mich zu glauben, dann tu es.» Jesus lässt sich berühren. Und das wiederum berührt uns.
Das wäre also der zweite Tipp, wie wir Jesus im Leben entdecken können: Da wo uns etwas anrührt und berührt, das könnte Gott sein. Ich erinnere mich gut, dass es mir als Kind und Jugendlicher oft langweilig wurde im Gottesdienst. Und doch kam es plötzlich vor, dass mich irgendwas berührte. Ich konnte nicht sagen was. Aber es lief mir eine Art Schauer den Rücken runter. Ich meine, Gott hätte mich in diesen Momenten berührt. Ich habe etwas gespürt, was grösser war und wunderbarer, als ich. Da, wo wir bewegt werden, von Menschen, von Geschichten, von Situationen, da ist Gott, da will er uns leiten und auf Neues hinweisen. Da bin ich sicher.
Und noch etwas scheint mir wichtig: Thomas braucht die Gemeinschaft derer, die wie er Sehnsucht haben, nach Jesus. Allein kann er ihn nicht finden. Erst als er in die Gemeinschaft eintaucht – mit all seinen Zweifeln – da wird er plötzlich und doch noch beschenkt von der Gewissheit: Jesus ist da! Niemand kann allein glauben! Wir brauchen die Gemeinschaft. Kirche als Gemeinschaft ist und bleibt wichtig. Sie ist ein unverzichtbares Werkzeug, um Gott zu finden.

«Lass dich führen!»

Und last but noch least Petrus und der Jünger, den Jesus liebte: Johannes. Sie stecken fest mitten im Alltag. Die Sorgen, die Routine haben sie im Griff. Petrus merkt da gar nichts mehr. Johannes aber sehr wohl. Er weist ihn auf Jesus hin. «Schau, es ist der Herr. Da steht er. Mitten in unserem Alltag. Und er ruft uns neuerlich aus der Routine und auf zu neuen Ufern.»

Das ist der dritte Tipp und Hinweis: Manchmal sind wir wie Petrus. Wir stehen daneben und checken gar nichts. Und manchmal haben wir, wie Johannes, eine Erkenntnis. Da geht uns ein Licht auf und wir merken. Gott will was. Er ruft mich und möchte, dass ich etwas verändere. Gott ist da und hat mein Leben längst reich gesegnet. Er hat mir den Tisch gedeckt und er wünscht sich, ich könnte es doch sehen.
Was heisst das? Es ist nicht schlimm, dann und wann ein Petrus zu sein. Aber suchen wir uns doch immer mal wieder einen Johannes im Leben. Einen, der uns hilft, unser Leben zu deuten. Und auch das gilt: Auch wir können doch vielleicht einmal zum Johannes werden für andere. Zeigen wir anderen hier und da doch mal ein neues Ufer auf und weisen wir hin, auf Gottes reichen Segen.

«Du kannst Christus finden!»

Es scheint nicht so leicht zu sein, Jesus zu entdecken. Wir sind mit den Jüngern in guter Gesellschaft. Aber es geht. Das machen uns die Osterevangelien deutlich. Hüten wir uns vor zu viel Routine und bleiben wir aufmerksam. Rechnen wir mit Gott – immer und überall (1). Bleiben wir berührbar (2). Und umgeben wir uns mit Johannes- Menschen (3). Dann haben wir gute Chancen Gott zu finden, der als der Auferstandene bei uns ist bis zum Ende unserer Tage (Mt 28,20).

(Predigt am 4./5. Mai 2019 – Joh 21, 1-19)