Predigtnachlese

Das ist schwer zu fassen. Vieles ist aber tatsächlich schwer zu fassen im Leben; oft sind es sogar die wesentlichen Erfahrungen. Liebe, Glück, Sinn sie lassen sich nicht beweisen und sind kaum beschreibbar. Wir können sie aber erleben, spüren und erhoffen. Erleben wir sie nicht, fehlt optisch sichtbar nichts. Aber wer wollte behaupten, der Schmerz gebrochener Liebe sei nicht real spürbar?
Ganz ähnlich ist es wohl Maria Magdalena ergangen, angesichts des leeren Grabes. Er, ihre ganze Hoffnung war tot und wurde begraben und nun fehlt sogar der Leichnam. Wo ist der Tote?

Sie sucht Jesus bei den Toten, in der Vergangenheit und übersieht in ihrer Kurzsichtigkeit, dass er lebendig vor ihr steht.
„Niemand findet Jesus, wenn er sich nicht von ihm finden lässt." Es ist Jesus der sich zu erkennen gibt. „Maria" sagt er. Keine Belehrung, keine Erklärung, kein sanfter Hinweis.... Einfach der Name. „Du bist gerufen." „Du bist gemeint weil du mein bist."
Jesus vergisst uns nicht. Er weiss, dass wir da sind; oft genug tief im Tal der Tränen. Er ruft uns von jenseits der Todesgrenze. Das ist eine Hoffnung wider die Hoffnungslosigkeit.

Zu fassen ist das nicht. Schon gar nicht zu erklären. Wie alle wesentlichen Dinge im Leben. Maria möchte das begreifen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie will Jesus festhalten. Aber er ist nicht zu fassen. „Halte mich nicht fest." Es ist wie in der Liebe: Wenn ich den anderen festhalten und besitzen will. Das geht nicht gut. Liebe ist nicht zu haben und der Glaube auch nicht.

Und trotzdem ist Ostern auch konkret. Ostern darf sich nicht darauf beschränken, dass wir miteinander Eier suchen. Was hat der Osterglaube für eine Auswirkung auf mein Leben? Was erzählen wir davon unseren Kindern und Enkeln? Was geben wir weiter an die kommenden Generationen? Es braucht auch künftig Menschen, die den Himmel vor Augen haben, die aber trotzdem mit beiden Beinen im Leben stehen, der Erde und der Schöpfung verpflichtet. Es braucht auch künftig Menschen, die Lebensfreude und Optimismus ausstrahlen und die damit überhaupt erst zukunftsfähig sind.

Ostern ist nicht einfach eine Theorie über das, was jenseits der Todesgrenze ist. Die Zukunft Gottes hat längst schon begonnen. Wer mit Jesus auf den neuen Weg geht und auf ihn setzt, der wird auch jetzt schon anders leben. Der wird nicht mehr nehmen, was er kriegen kann und der wird sich nicht mehr selbst der Nächste sein. Der wird nicht mehr dauernd von der Angst besessen sein, zu kurz zu kommen. Der wird nicht mehr leben nach der Devise „Sicher ist sicher."
„Er wird anfangen zu teilen, von seinem Leben mitzuteilen. Das kann wehtun, weil es mitunter ins eigene, üppige Fleisch schneidet. Vielleicht stirbt dann auch etwas in uns. Aber nur wer so zu sterben versteht, wird lernen zu leben und zu lieben. Wer solche Freiheit ahnt, den schmerzen nicht nur die eigenen Einschränkungen, sondern vor allem der Mangel der Anderen. Er wird nicht mehr schweigen, wenn er Unrecht sieht und Unmenschlichkeit. Er wird dagegen aufstehen im Namen dessen, der aufstand vom Tod zum Leben. Wo der Tod seine Herrschaft verliert, da beginnt die Freiheit, zu lieben und zu leben."

Es gibt da diese kleine Geschichte von diesem Vogel, einem Marabu, der Zeit seines Lebens über das Sterben nachgedacht hat. Eines Morgens kam unvermutet der Tod. Erschrocken sprang er vom Frühstückstisch auf und flatterte taumelnd davon. Doch der Tod hielt mühelos Schritt. „Um Gottes Willen", krächzte der Marabu, „wo fliegen wir denn hin?" „Um Himmels Willen", schrie der Tod, „und ich dachte du wüsstest den Weg!"

„Mit Jesus Christus ist unser Leben keine Sackgasse mehr, kein Unterwegs zum Friedhof, sondern in der Kraft Gottes ein Unterwegs vom Tod zum Leben!"

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In diesem Jahr ist die Predigt massgeblich vom ehem. Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, beeinflusst. Zufall oder nicht☺Alle Zitate, die nicht anders gekennzeichnet sind, sind von ihm.
Quellen:
„Mach's wie Gott, werde Mensch". Ein Lesebuch zum Glauben, Freiburg 2013. „Gott ist kein Nostalgiker". Anstösse für die Fasten- und Osterzeit, Freiburg 2012.

 

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