Predigtnachlese

2019 05 04 predigt

 

Wisst ihr, was ich mich öfter frage? Ob die Art und Weise, wie und vor allem wo Menschen in der Kirche sitzen, irgendetwas über sie aussagt? Zum Beispiel ihr heute: Was sagt der Platz, den hier heute gewählt habt, über euch aus?

OK, vielleicht seid ihr einfach nur spät gekommen und habt ganz bescheiden hinten den erstbesten Platz genommen. Oder ihr seid als Familie da. Und ihr möchtet, dass eure Kinder hier vorne möglichst gut sehen? Manchmal ist es gar nicht so bedeutungsvoll.
Vielleicht hat der Platz, den ihr gewählt habt, aber auch eine tieferen Grund.

In anderen Zusammenhängen müssen wir uns ja ständig einschätzen und positionieren. Besonders in Arbeitszusammenhängen. Da wird man nach den Stärken und Schwächen gefragt, nach den Erfolgen und nach dem, was einen besonders und unverwechselbar macht. Wie stehst du da?
Ich wette, so manch einer macht sich da grösser, als er ist. Und andere, die verkaufen sich unter Wert. Aus falscher Bescheidenheit. Überleg doch kurz selbst: Wie positionierst du dich in deinem Arbeitsleben?

Unsere Sitzposition in der Kirche hat vielleicht tatsächlich mit unserem Verhältnis zu Gott zu tun und zur Kirche, als Institution. Ich erlebe, dass sich viele als eher schlechte Christen einstufen. Ich meine, wahrscheinlich zu Unrecht. Die Anderen, die gibt’s aber auch: Die fühlen sich besonders fromm und nennen sich kirchentreu und rechtgläubig. Auch bei denen bin ich nicht sicher, ob sie immer richtig liegen.

All das kannten die biblischen Protagonisten auch. Paulus und Josef zum Beispiel. Paulus nannte sich ursprünglich Saulus – in Erinnerung an den grossen König Saul. Und genauso wenig bescheiden gab sich Saulus auch. Er glaubte, besonders fromm zu sein. Und er verfolgte in seinem blinden Eifer alle die, die sich nicht an das hielten, was er für den rechten Glauben hielt. Erst als die Begegnung mit Jesus ihn buchstäblich vom hohen Ross holte, änderte er seine Meinung und sein Leben. Manchmal muss man erst mit der Nase in den Dreck fallen, damit man vom Saulus zum Paulus wird.

Josef hingegen ging es umgekehrt. Er, der angesehene Zimmermann, sank schnell mal tief – in den Augen der Anderen und im eignen Selbstwert. Da hast du eine Freundin, planst mit ihr ein gemeinsames Leben und dann sagt sie dir eines Tages, dass sie schwanger ist. Nur leider nicht von dir. Wie peinlich ist das denn! Wie enttäuschend und verletzend! Das war Dorfgespräch! Dem Zimmermeister wurden Hörner aufgesetzt. Da brauchte es sicher viel, damit Josef sich und Maria als von Gott besonders begnadet betrachten konnte. Manchmal muss schon ein Engel her, damit wir den Turnaround schaffen und Gott und seinen Verheissungen trauen.

Was lehrt uns das alles nun? Dass es immer Gott braucht, damit du wirklich du selbst wirst. Ohne Gott bleibst du ewig deplatziert. Wir überschätzen uns und werden einander zur Plage. Oder wir machen uns klein oder lassen uns von anderen einen Kopf kürzer machen.
Es ist eine Gnade, dass du deinen, eben den richtigen (!), Platz findest. Das schaffst du kaum aus dir selbst heraus. Da geht es ja um Mensch-Werdung - im ganz umfassenden Sinn. Dazu braucht es Weihnachten!

An Weihnachten kommt Gott auf Augenhöhe mit uns. Da reicht er uns – im Bild gesprochen - die Hand. Und diese Hand zieht uns hoch, macht uns gross. Und vielleicht rückt sie uns auch ein wenig zurecht. Ich weiss es nicht. Doch ich vertraue: Gott rückt dann dich und mich ins rechte Licht.

Kann sein, dass es noch dauert. Manchmal verharrt das Leben ziemlich lange im Advents-Modus. Oft wird das zäh. Da haben wir Mühe geduldig zu sein. Gott kommt halt nicht auf Bestellung. Und er arbeitet auch nicht unseren Wunschzettel ab.

Doch der Name „Jesus“ ist und bleibt Programm: „Immanuel - Gott ist mit uns“. Und darauf können wir uns verlassen. Geniesst also noch die letzten Tage des Advent! „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus.“ (Röm 1,7).

Predigt zum 4. Advent