Predigtnachlese

2019 05 04 predigt

 

Was würdet ihr sagen, wenn ich fände: Wir singen am Ende der Weihnachtsmesse Jahr für Jahr «Stille Nacht». Das brauchen wir gar nicht. Das lassen wir mal weg. Darauf können wir verzichten.

Keine Angst! Niemals würde ich es wagen, das vorzuschlagen, geschweige denn, es wirklich zu streichen. Ich bin sicher, dass würde Emotionen auslösen. Und viele davon wären eher wenig weihnachtlich.

Es fällt uns nämlich schwer, Dinge loszulassen. Da können wir wohl alle ein Lied davon zu singen. Vielleicht ist Weihnachten gar kein schlechter Zeitpunkt, darüber einmal nachzudenken: Was braucht es wirklich und was ist verzichtbar?

Testen wir das mit einem Experiment:
Mach in Gedanken jetzt rasch einen Rundgang durch dein Haus / deine Wohnung: Was steht und liegt da rum? Was ist wirklich wichtig? Und was ist verzichtbar?

Jetzt sehe ich schon erste erschrockene Gesichter! Was ist unverzichtbar? Der nagelneue Thermomix samt Betty Bossi Rezeptbuch? Die Playstation 4 pro mit dem DUALSHOCK 4 Wireless-Controller? Was ist unverzichtbar? Der Metabo Winkelschleifer, 2200 W samt Schutzhaube, Stützflansch, Zweilochmutter und Zusatzhandgriff. Was ist unverzichtbar? Unverzichtbar ist doch mindestens die vollständige handsignierte Sammlung aller EVZ-Heimtrikots seit dem legendären von 1998?
Ich sehe, ihr werdet nicht entspannter. Jetzt gilt es ernst! Was ist unverzichtbar? Unausweichlich kommen Emotionen ins Spiel.

Eure Kopfschmerzen kann ich noch verschärfen: Jetzt überlegt einmal, euer Haus brennt und ihr könnt nur drei Dinge mitnehmen: Welche wären das?
Und ich setze noch einen drauf: Was wären die unverzichtbaren Dinge, wenn dein Lebenshaus brennen würde? Was im Leben möchtest du auf keinen Fall aufgeben? Was ist unverzichtbar?

Sich fokussieren, sich entscheiden, sich festlegen und im Gegenzug auch loslassen. Dass ist nie einfach aber immer wichtig. Auch und gerade an Weihnachten, dem Fest der Überfülle.

Sich fokussieren, sich entscheiden, sich festlegen und im Gegenzug auch loslassen. Das alles gilt auch in Glaubensdingen. Wir sollten uns als Kirche, als Christen, auch fragen: Was ist unverzichtbar?
• Ist es die Kirche als Gebäude? Ich denke, nein. Kirche, das sind Beine und nicht Steine!
• Ist die Kirchensteuer unverzichtbar? Nun, mit ihr lebt es sich recht angenehm. Sie kann uns aber zur Selbstgenügsamkeit verleiten. In Gegenden, wo es keine Kirchensteuer gibt, lebt der Glaube mitunter vitaler.
• Sind es die Traditionen, die unverzichtbar sind? Der Zölibat, die Fronleichnamsprozession oder eben bestimmte Kirchenlieder? Das alles hat seinen Wert, ganz sicher. Aber wenn das Haus brennt…?
Unverzichtbar ist für uns Christen vielleicht das:
• Dass wir zusammenkommen und mit einander beten.
• Dass wir Gottes Wort hören und uns fragen, was es uns zu sagen hat.
• Das wir Menschen in Taufe, Firmung und Versöhnung Gottes besondere Nähe zusprechen.
• Dass wir Mahl halten und uns aus diesem Mahl heraus zu den Menschen da Draussen senden lassen.
• Dass wir anderen den Frieden bringen und uns dafür einsetzen.
• Dass Menschen merken, diese Christen, die leben aus einer Kraft und einer Zusage, die sie sich nicht selbst gegeben haben. Und die sie dennoch und gerade deshalb trägt.
Es ist eine Zusage, die mit Weihnachten zu tun hat. Denn an Weihnachten hat Gott seine Entscheidung darüber getroffen, was für ihn unverzichtbar ist. Und die Entscheidung ist leichtgefallen!

Gott sagt dir heute: Du Mensch, du bist für mich unverzichtbar! An dir hänge ich! Dich kann und dich will ich nicht aufgeben! Du bist mein wertvollstes Hab und Gut! Du bist mein Ein und Alles!
• Du, der du heute hier in der Kirchenbank sitzt, nur weil Mami das so will: Du bist unverzichtbar!
• Du, die du manchmal ein komisches Gefühl hast, weil du bloss an Weihnachten kommst: Du bist unverzichtbar!
• Du, der du immer wieder darüber nachdenkst, dieser Institution endlich den Austritt zu schicken: Du bist unverzichtbar!
• Du, die du dich unverstanden und zurückgewiesen fühlst, weil du geschieden und wiederverheiratet bist: Du bist unverzichtbar!
• Du, der du homosexuell bist und kirchliche Amtsträger das für heilbar halten: Du bist unverzichtbar!
• Du, die du Priesterin werden willst und nur am falschen Chromosom scheiterst: Du bist unverzichtbar!
Du, du Ungerechter, du Unsympath, du Neurotiker, Psychopath, Sonderling, Heuchler, du Infantiler, Süchtiger, du Perverser, du herzloser Bürokrat, du irregeleiteter HCD-Fan! Du bist unverzichtbar!
Ja und auch du, der du dich zur winzig kleinen Gruppe der gerechten, sympathischen, gesunden, ausgeglichen, reifen, seelisch und geistigen begabten, liebesfähigen Menschen zählst: Auch du bist unverzichtbar!

An einem Fest, dass so viel Reize, so viel Fülle, so viele Geschmäcker und Geschenke mit sich bringt, wie Weihnachten, tut es gut, nach dem Unverzichtbaren zu fragen.

Sucht eure Antwort doch selbst in den nächsten Tagen. Nehmt aber Gottes: «Du bist unverzichtbar!» jetzt mit nachhause. Denn sie ist sein wichtiges Wort für dich!
Und bitte: Singt gleich, am Ende der Messe, «Stille Nacht» - aus vollem Herzen. Und geniesst es! Amen!

 

Diese Predigt ist beeinflusst durch viele Menschen und Begegnungen im Jahr 2019. Wer sich hier wiederfindet, dem sei herzlich gedankt. Du bist für mich unverzichtbar!