Predigtnachlese

 girl 2067378 1920

 

«Meine Augen haben das Heil gesehen.» Ein Satz zu schön, um wahr zu sein.

Unweigerlich denke ich an Theo. Zum zweiten Mal hat man jetzt Tumore bei ihm gefunden. Eigentlich galt er seit einem Jahr als geheilt. Jetzt ist er am Boden zerstört. Nicht lange her, hat er seinen Sohn verloren. Ein Autounfall. Zufall. Pech. Niemand war schuld. Es ist zum Verzweifeln. Ungerecht. Schrecklich. Es gibt Menschen, die bekommen es knüppeldick.

«Meine Augen haben das Heil gesehen.»

Oder Sabine. Auch sie war krank, schwer. Es gab kaum Hoffnung. Trotzdem hat sie es geschafft. Sabine ist tapfer. Ihr Mann weniger. Als die Krankheit auf dem Höhepunkt war und Sabine am Tiefpunkt, ging er. Er lebt jetzt mit einer jüngeren in Zürich. Happy! Sabine blieb allein. Die Krankheit hat sie verändert. Und doch -und gerade- sehnt sie sich so sehr nach Liebe. Nach einer starken Schulter. Aber Männer… Ach, Männer!

«Meine Augen haben das Heil gesehen.»

Es gibt Menschen, die sehen kein Heil. Und das sind nicht wenige. Meistens suchen wir das Heil doch dann, wenn wir es am meisten brauchen. Wenn der Himmel blau ist und das Leben leicht, ist eh alles heil.

«Meine Augen haben das Heil gesehen.» Da klingt die Weissagung des Símeon fast ein bisschen zynisch. Typisch Religion, könnte man meinen. Da hängt jemand am Kreuz und sie singen «Don’t worry, be happy!»

Aber langsam: Ist es wirklich das, was Símeon sagt? Sagt er nicht vielmehr so verwirrende Sachen wie «dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird».

Das klingt doch gar nicht Heil und happy Das klingt nicht nach einem glorreichen Erlöser-Gott, der rauschend, vom Himmel herab regierend, die Welt nun definitiv in Ordnung bringt.

Vielmehr sei Jesus: «ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.»
Dass Gott sich den Heiden zuwendet, ist ja eigentlich ungeheuerlich. Die Frommen lässt er wohl links liegen. Sein Licht verschenkt er an die Heiden, an die, die gar nicht glauben. Mal ganz ohne Wertung: Wir müssen zugeben: Gott handelt ziemlich anders, als wir denken.

Und dann das noch: «die Herrlichkeit für dein Volk (Israel)»? Auch damit ist, ich fürchte es, nicht etwa ein wunderbares, unvergleichlich schönes Leben gemeint. Herrlichkeit ist nicht einfach wunderbar. Herrlichkeit meint vielleicht eher das, um was wir im Vater Unser bitten: Dein Wille geschehe. Es geht um das Reich des Herrn. Er schafft nicht Herrlichkeit. Er ist die Herrlichkeit.
Das ist vielleicht der Kern der Hoffnung. Dass Gott der Herr ist und dass er weiss, wie es gut ist. Dass er einen Plan hat, hinter all unserem Planen. Und dass er es gut meint – unbedingt – mit uns!

Das Evangelium ist eben keine Anleitung zum Glücklichsein – wenigstens nicht zu oberflächlichem Glück. Und Jesus ist auch kein Zauberer, der alles heilt. Das Evangelium ist wohl vielmehr die Botschaft, dass Gott auch in aller Krankheit, in allem Leid, in allem Streit, in allem Unfrieden unser Licht sein will und sein kann.

Für Theo heisst das: Du bist geliebt, trotz und gerade in deiner Krankheit! Du bist und du bleibst ein Kind Gottes! Du bist unendlich wertvoll, selbst wenn du auf den Tod zugehst! Dein Herr ist da – für dich!

Und für Sabine heisst es vielleicht: Versuch einmal deine Einmaligkeit zu entdecken! Das bist du nämlich. Und genau darin hast du deinen Wert! Dein Gott wünscht sich, dass du bist. Dass du so bist, wie du bist: Liebenswert und auf deine ganz unverwechselbare Art schön! Entdecke dich selbst und du wirst wieder aufleben.

Für uns alle heisst das: Unser Gott ist unberechenbar. Fallen und Aufstehen, Hinweis und Widerspruch. Diesem Gott ist alles zuzutrauen! Auch unser Heil! Und das Leben bis in alle Ewigkeit!

«Unsere Augen werden das Heil sehen!»

(Lk 2, 22-40)