Predigtnachlese

Predigt zur 600 Jahrfeier Hünenberg am 5.04.2014

flickr reaping 4 bible paval hadzinskiWir feiern 600 Jahre Hünenberg. Und das ist - weiss Gott - ein Grund zum Feiern. Und wir freuen uns als Reformierte und Katholische Kirche hier am Ort sehr, dass wir das heute Morgen auch tatsächlich vor Gott tun können.
Wir sind überzeugt, es tut uns gut, wenn hier in der Gegenwart Gottes eine Pause machen, einen Halt, eine Standortbestimmung quasi.
Denn der Blick in die Vergangenheit, in die Historie, ist - wenn er sorgfältig vorgenommen wird - zugleich immer auch ein Blick auf das Heute und eine Aussicht auf das Morgen.

Weil mit der Freiheit ja zugleich auch immer Verantwortung verbunden ist. Und diese Verantwortung aus der Freiheit sich nicht nur auf das eigene persönliche Leben richtet. Sie ist zugleich immer auch gerichtet auf das Wohl der anderen. Und zwar nicht nur auf die Menschen der jeweils eigenen Gesellschaft, Nation oder Kultur, sondern vielmehr auf alle, die auf diesem Globus leben.
Darüber hinaus ist Verantwortung aus Freiheit längst nicht nur begrenzt auf das hier und heute. Verantwortung aus Freiheit beinhaltet auch die Rücksichtnahme auf künftige Generationen.

Die Grundlage für so verstandene Freiheit und Verantwortung bildet unser christliches Menschenbild, bildet das jüdisch-christliche Fundament auf dem unsere Kultur und unser Staats- und Rechtswesen aufgebaut sind. Es ist unser Glaube an den einen Gott vor dem alle Menschen gleich sind. Alle Menschen besitzen die gleiche unveräusserliche Würde, alle besitzen die gleichen Rechte und sollten die gleichen Chancen haben.
Es geht also um das Verhältnis der Generationen zu einander (also der jüngeren, der mittleren und der älteren), es geht aber auch um die Erinnerung an die Verstorbenen und genauso um die Verantwortung gegenüber denen, die noch nicht geboren sind. Verantwortung aus Freiheit heisst für uns Christen, die Lebensmöglichkeiten für alle nicht nur sicher zu stellen, sondern sie zu langfristig zu erhalten für künftige Generationen.
Es sind vier Bereiche, die solche Zukunft sicherstellen können und die es alle vier gleichgewichtig zu beachten gilt. Es sind dies: 1. Eine intakte Umwelt, 2. eine tragfähige Wirtschaft, 3. soziale Gerechtigkeit und 4. kulturelle Zukunftsfähigkeit. Noch einmal, meine Nummerierung ist willkürlich und zeigt keine Prioritären auf. Wir können nicht einzelne Bereiche gegeneinander ausspielen und dürfen nicht einseitig gewichten. Sonst kommen wir in eine gefährliche Schräglage.

1. Intakte Umwelt
Wir bilden miteinander eine Haftungsgemeinschaft für die Folgen, die unser Handeln oder Nichthandeln auf die Belastung unserer Umwelt und auf die Nutzung von Rohstoffen hat. Weder unser Politisches, noch unser wirtschaftliches Handeln, auch unser persönlicher Konsum dürfen so ausgerichtet sein, als wüssten wir nichts von den Belastungen, die wir der Generation unserer Kinder und Kindeskinder hinterlassen. Nächstenliebe wie sie der christliche Glaube beschreibt, ist dabei weit mehr als einfach eine moralische Verpflichtung anständig zu handeln. Sie ist die Grundbedingung für ein gelingendes und gutes Leben für alle.
Wir können uns dabei ein Beispiel an unseren Landwirten nehmen. Für sie war immer schon klar, dass die Folgen des eigenen Handeln noch weit jenseits der eignen Lebenszeit spürbar sind. Nicht umsonst entstammt der Begriff der „Nachhaltigkeit" ursprünglich der Forstwirtschaft.
Niemand kann unsere heutige Generation von solch nachhaltigem Denken und Handeln dispensieren auch wenn es uns allen das eine oder andere Opfer in unserem Wohlstand abverlangen wird.

2.Tragfähige Wirtschaft
Über die Frage wie Wirtschaften gestaltet werden soll, ist eine Zeit lang viel diskutiert worden. Nun scheint die Diskussion leider wieder abzuflauen. Was oft zu wenig bedacht wird, ist das eine alleinige Orientierung am Bruttoinlandsprodukt nicht ausreicht. Weil das Bruttoinlandsprodukt nichts darüber aussaugt, wie Einkommen und Lebensstandard verteilt sind. Weil es nichts über die Lebensqualität und Lebenserwartung einer Gesellschaft als Ganzer aussagen kann. Setzt sich das Bruttoinlandsprodukt aus der Gesundheit oder der Krankheit der Menschen zusammen? Eröffnet es Zukunft oder gefährdet es Zukunft?
Es ist dringend notwendig, über solche Themen noch breiter ins Gespräch zu kommen. Weil es uns gelingen muss einen neuen Wohlstandsbegriff zu definieren. Weil Wohlstand auch und vor allem zukunftsverträglich sein muss.

3.Soziale Gerechtigkeit
Der bestehende Generationenvertrag geht von einem einfachen Prinzip aus: Eltern setzen sich für ihre Kinder ein und verbinden damit die Hoffnung, dass sie im späteren Verlauf ihres Lebens dafür einmal eine Gegenleistung erhalten. Unsere ganzen Sozialsysteme beruhen eigentlich auch diesem einfachen und seit Jahrhunderten bewährten System. Unsere in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegenen technischen Möglichkeiten haben nun aber dieses System an die Grenzen gebracht. Unser Tun und Lassen hat inzwischen solche eine Reichweite bekommen, dass es nicht mehr ausreicht nur für den Erhalt der eigenen Nation, Kultur und Generationenfolge zu schauen.
Es ist mein Wunsch, dass uns Politikerinnen und Politiker künftig keine uneinlösbaren Versprechungen von einer Zukunft im stetig wachsenden Wohlstand machen mögen. Und ich appelliere gleichzeitig, dass wir als Bürgerinnen und Bürger den Verzicht darauf lernen, unsere eigenen Bedürfnisse auf Kosten anderer und künftiger Generationen zu befriedigen.

4.Kulturelle Zukunftsfähigkeit
Der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas beschreibt unsere Zeit treffend wenn er sie eine „neue Unübersichtlichkeit" nennt. Tatsächlich erfahren wir eine Erlebnisdichte, die es in der Geschichte der Menschheit bisher so nicht gab. Unser Leben gleicht einem riesigen Buffet. Dauernd müssen wir entscheiden und auswählen, liegenlassen. Das bindet nahezu alle unsere Ressourcen. Das fesselt uns an die Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft, Erinnerungen und Hoffnungen werden dabei fast automatisch sekundär. Gerade wir Kirchen merken das unmittelbar und fast alltäglich bei der Einstellung der Menschen gegenüber dem Tod, gegenüber Krankheiten und Leiden und auch bei der wachsenden Angst der Menschen vor der Zukunft. Kulturelle Bestände (und damit Sicherheiten) drohen in dieser hektischen Unübersichtlichkeit fast automatisch an den Rand und gedrängt zu werden. Religion
soll raus aus dem öffentlichen Raum (sogar bei der Bildung!) und sich rein aufs Private beschränken. Und das obwohl die Mehrheit der Bevölkerung christlich ist und obgleich unsere abendländische Kultur nicht verstehbar und damit auch nicht zukunftsfähig ist, ohne Kenntnisse und ohne Vollzüge (!) des Christlichen.
Wir können und dürfen den gesellschaftlichen Wandel nicht abwehren. Wir sind ihm aber auch nicht schicksalhaft ausgeliefert. Und wir sind gut beraten, die eingeschlagene Richtung kritisch zu bedenken. Denn Kultur lässt sich leicht zerstören aber nur schwer aufbauen. Da ist es weitaus weiser die Formen unseres Zusammenlebens vom Gegebenen aus nach und nach weiterzuentwickeln.
Eine intakte Umwelt, eine tragfähige Wirtschaft, soziale und integrierende Gerechtigkeit für alle sowie kulturelle Zukunftsfähigkeit. Es ist eine Art Viereck der Nachhaltigkeit, was ich Ihnen und uns allen heute ans Herz legen möchte.
Es ist unsere christliche und humanitäre Pflicht, den Gebrauch unserer Freiheit so zu verantworten, dass alle Menschen gleichermassen in Würde geboren werden können, in Würde leben können und in Würde sterben können. Das ist möglich. Das können wir erreichen.
Freiheit – das lernen wir aus der Geschichte der Schweiz und Europas – kann und muss im gleichen Mass für uns, wie auch für alle andere gelten und lebbar sein. Dass das gelinge, dazu stärke uns Gott!

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Inspirierende Quellen:
Wolfgang Huber: Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens, München 2013.
Andreas Walker: Referat „Zukunft & Kirche", RKK Zug, 30.01.2014.
Angelo Scola: Gemeinsam leben. Viele Kulturen, eine Gesellschaft, Milano/Freiburg i.Br. 2013. Roger de Weck: Nach der Krise. Gibt es einen anderen Kapitalismus, München 2009.

 

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