Predigtnachlese
 
Wir feiern zu Hause Gottesdienst und knüpfen ein Netzwerk von Haus zu Haus.
Gerne stellen wir die Links des Netzwerk Gottesdienst der Erzdiözese Wien zur Verfügung.
 
 
 
 linie a4 unten 03 20 linien netzwerkgottesdienst
 
Und hier stellen wir gerne wieder die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter zur Verfügung.
 
 
 

Wartezimmer-Gespräche
Wie kann man heute vom Glauben sprechen?
________________________________________

Manchmal zwickt es mir im Rücken. Das klingt harmlos; ist aber gar nicht lustig. Unsere Sprache ist häufig so irritierend euphemistisch, beschönigend.
Nein, wenn mein Rücken streikt, ist das eine sehr existenzielle Situation. Weil dann nichts mehr geht. Die Schmerzen sind höllisch. Ich kann mich kaum bewegen. Und damit ist auch jede Konzentration auf anderes komplett dahin. doctor 73117 1920
Dann hilft nur der Besuch beim Osteopathen. Und meinen Osteopathen, den kann ich echt empfehlen. Drei, vier Griffe und mein Lendenwirbel gibt seine Blockadehaltung auf. Die Verkrampfung löst sich, ich werde locker. Die Schmerzen verschwinden wieder.
Ja, der Rücken ist meine schwache Stelle. Er ist eine Art Seismograph. Wenn ich thematisch stark belastet bin. Wenn ich zu wenig Sport treibe und auch sonst wenig auf mich achte, dann schlägt er an.
________________________________________

Szenenwechsel! In der Bibel lese ich heute: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt» (1 Petr 3, 15)
Das klingt definitiv leichter, als es ist! Wie kann ich heutzutage vom Glauben reden? Wie kann ich anderen davon erzählen, was mir wichtig ist, wertvoll und in jeder Hinsicht des Wortes heilig? Und soll man das überhaupt – von seinem Glauben reden?
Der eigene Glaube, das ist eine ziemlich persönliche, ja beinah intime Sache. Da ist es fast natürlich, dass sich viele schwer tun, darüber zu reden. Oft fehlt uns auch die Sprache. Es ist wie mit dem Zwicken im Rücken. Man meint etwas, versucht sich auszudrücken, sagt aber in Wirklichkeit etwas ganz anderes. Und wird missverstanden. Ach, es ist schwierig.
Wenn Kirchenleute über den Glauben reden, ist es oft nicht besser. Da werden Wörter benutzt, die braucht man sonst nie. Vieles klingt phrasenhaft und uninspiriert. Manches ist auch einfach nur super abgehoben.
Man bekommt das Gefühl, unterlegen zu sein. «Wow, ist der fromm!» «Himmel, die hat Gott in der Tasche – quasi auf sicher!» Das schreckt ab. Da bekomme ich reflexartig Lust zu widersprechen. Das glaube ich nicht! So eine Arroganz! Die meisten von uns regen sich aber gar nicht mehr auf. Sie hören einfach nicht mehr hin. Fertig!
Soll ich also mit anderen über meinen Glauben sprechen? Und wenn ja, wie?
________________________________________

Vielleicht könnte ich so darüber sprechen, wie ich auch über meinen Rücken spreche. Ohne jede Überlegenheit. Auch ohne jede Unterwürfigkeit. Ich bin im Grossen und Ganzen gesund und ziemlich robust. Ich kann echt was ab. Aber ich habe auch Schwachstellen. Körperlich ist das der Rücken. Aber auch geistig und seelisch ist bei mir so einiges krumm und verhärtet.
Weil mir das bewusst ist, halte ich mich an Jesus. Er ist mein Heiland! Ich glaube an ihn, nicht weil ich perfekt bin. Ich glaube an Jesus, weil ich eben nicht perfekt bin. Ich brauche Jesus dringend. Er ist der wichtigste Therapeut in meinem Leben. Wenn ich sein Wort höre, dann lösen sich bei mir Blockaden. Ich werde lockerer. Ich gehe das Leben wieder optimistisch an.
Deshalb muss ich ihn regelmässig aufsuchen. Er tut mir gut. Er gibt mir das, was ich zu wenig habe: Urvertrauen, die Gewissheit, gewollt zu sein und auch irgendwie gebraucht zu werden. Ich will ohne diesen Jesus nicht leben.
Obwohl ich mich oft (sehr oft!) weit von ihm entferne weiss ich, ich kann zu jeder Zeit kommen. Der Osteopath ist für meinen Rücken da. Für mein Herz und meinen Geist ist Jesus der beste Therapeut.
Also: Falls du einen Osteopathen brauchst, frag mich. Ich gebe dir gern die Adresse.
Und wenn dich sonst noch interessiert, was mir wichtig ist im Leben, was mir gut tut wie Medizin, dann kann ich dir genauso auch von meinem Glauben erzählen.
________________________________________

Und du? Wie geht es dir? Was stärkt dich? Was treibt dich an? Und wo zwickt es?
Erzähl doch mal. Lass uns reden – auf Augenhöhe.
Vielleicht könnten wir so vom Glauben reden; quasi als Wartezimmer-Gespräch. Im Wartzimmer sind ja alle gleich. Alle haben was.
Sicher hast auch du Schwächen und Gebrechen. Aber ganz sicher hast du auch gute Erfahrungen gemacht. Erfahrungen, die uns gut täten, wenn wir sie hören würden. Bestimmt hättest du Tipps, die uns weiterhelfen könnten, die stärken und ermutigen.
Es wäre wie im Wartezimmer. Wir würden eine verschworene Christen-Gemeinschaft; unterschiedlich, sehr heterogen und doch als Schicksalsgemeinschaft unsichtbar verbunden.
Das könnte doch klappen. Das müsste doch gehen! Warum nicht? Wir könnten ganz simpel und unaufgeregt über den Glauben reden: in unserer Partnerschaft, in der Familie, im Freundes- und Kollegenkreis, in der Pfarrei.
Es käme vielleicht auf einen Versuch an. Was denkst du?

(Christian Kelter, Hünenberg, 17.05.2020)