Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne wieder die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter zur Verfügung.
 
 
 

«Nur keine Panik!»
Warum du Gott vertrauen kannst!
(Mt 10, 26-33)

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Bald beginnen die Ferien. Ich freue mich sehr. Viele in meinem Bekanntenkreis mussten wegen Corona kurzfristig umbuchen. Manches ist jetzt einfach noch nicht möglich. Zuerst waren die Enttäuschung und der Frust gross. Inzwischen freuen sich doch alle! Ferien im eigenen Land? Das ist nun wirklich keine schlechte Alternative. Und ich wette: Es wird ganz sicher gut! barber 5194406 1920
In der Krise haben wir gelernt, dass Vieles doch auch anders geht. Wenn es sein muss. Das finde ich interessant und toll. Was wir politisch gerne das TINA-Prinzip nennen, stimmt nämlich nicht. „TINA“ steht für «there is no alternative» („Es gibt keine Alternative“). Jetzt haben wir gelernt: Oh, doch, es geht immer auch noch anders. Wir müssen nur offen sein, suchen und wollen.
Und es braucht Vertrauen, Zutrauen. Deshalb habe ich mich gefreut über diesen Vertrauenstext an diesem Sonntag im Evangelium.
Da sagt Jesus: «Fürchtet euch nicht! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.» (Mt 10, 26). Und weiter: «Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.» (Mt 10, 29ff)
Das klingt vielleicht erst mal ein bisschen blumig bis wolkig. Wie ich das verstehe? Ich mache es mal an einem anderen Beispiel deutlich:
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Im Netz kursiert ein tolles Video. Ihr findest es leicht. Die portugiesische Pianistin Maria João Pires stellt während eines Konzertes in Amsterdam unmittelbar vor ihrem Einsatz fest, dass sie die falschen Noten mitgenommen hat. Ein Alptraum! Das Orchester spielt bereits, sie sitzt in der Mitte am Flügel und man sieht der Starpianistin die blanke Panik ins Gesicht geschrieben. Sie raunt dem Dirigenten zu, dass sie nicht spielen könne. Keine Chance, die Noten lägen noch zuhause.
Sowas kenne ich auch. Es gibt Situationen, bei denen es scheinbar nicht weiter geht. Die Ferien stehen auf der Kippe: Was nun? Der Terminkalender ist voll: Ich glaub, ich dreh durch. Das Schreikind raubt mir den Schlaf: Ich werde bald wahnsinnig. Das Zeugnis des Juniors: Ok, das Gymi können wir also vergessen.
TINA Situationen. «There is no alternative» („Es gibt keine Alternative“). Lasset uns verzweifeln! Es gibt scheinbar keinen Plan B. Dafür hatte ich keinen Spickzettel in der Tasche. Oder doch?
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Der Dirigent im Konzert in Amsterdam bleibt unfassbar ruhig und besonnen. Er beschwört Maria Pires trotzdem und dann halt ohne Noten zu spielen. Ein Mozart-Konzert. Klar, nichts weiter. «Du kannst das! Du hast das früher schon einmal gespielt.» Es gibt die Alternative! Und sie lässt sich drauf ein. Am Ende hat Maria Pires das ganze Konzert fehlerfrei gespielt.
Sicher, dass ist das Beispiel einer hochbegabten Frau. Aber ich meine, da ist noch mehr.
Die Krise, die scheinbare Alternativlosigkeit, wird zur Erfahrung eines «Mehr». Es ist mehr möglich, als wir glauben. Und es geht noch anders, als wir denken.
Ich bin fast sicher: Wie Maria Pires haben auch wir Ressourcen, aus denen wir schöpfen können. Wir haben Erfahrungen, die in uns schlummern. Darauf können wir zurückgreifen. Wir haben ein Repertoire, das uns hilft, auch neue und unbekannte Situationen zu lösen und zu bestehen.
Bei mir ist diese Ressource der Glaube an Gott. Ich glaube es Jesus, wenn er mir sagt, ich müsse mich nicht fürchten, weil ich Gott lieb und teuer bin. Dieser Gott wird mich nicht fallen lassen. Das weiss ich eigentlich auch aus Erfahrungen. Ich kann mich erinnern, an wenige aber sehr entscheidende Krisen in meinen Leben. Da hab ich’s gepackt, die Kurve gekriegt. Da habe ich dank Gott die richtige Richtung eingeschlagen.
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Ein mündiger und lebendiger Glaube an Gott hat nichts zu tun mit Alternativlosigkeit, mit Enge, mit dem point of no return. Ein mündiger und lebendiger Glaube an Gott führt im Gegenteil in eine grosse Freiheit und Unabhängigkeit.
Das Leben mit Gott ist kein Leben mit dem GPS . Das GPS gibt immer nur die eine Route vor. Und wenn du die nicht nimmst, heisst es: «falsch», «Kehr um». Das Leben mit Gott gleicht eher einem Leben mit dem guten alten Kompass. Er zeigt dir die Richtung. Aber entscheiden, wie genau du dahin kommst, kannst du immer noch selbst. Es gibt immer auch noch einen anderen Weg.
Das ist Freiheit! Und das tut so gut. Egal, ob es die Ferienplanung ist, der Terminkalender oder die Sorge um die Kinder: Es gibt immer auch noch einen anderen Weg. Wir müssen uns nicht fürchten. Wir können mehr, als wir glauben. Und es geht immer noch anders, als wir denken.
Das möchte ich gerne versuchen: Wenn ich Vertrauen schenke, werde ich Gutes ernten. Und wem sollte ich mehr vertrauen, als dem, der mich so gut kennt und so sehr um mich weiss, dass er sogar die Anzahl meiner Haare kennt.
Gott, wenn das stimmt, dann will ich dir vertrauen. DU bist definitiv grösser und besser und weiser als ich! Dein Wille geschehe! Ich bin dabei!


(Christian Kelter, Hünenberg, 21. Juni 2020)

1Ein Bild, dass ich bei Michael Herbst gehört und gelernt habe.