Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne wieder die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter zur Verfügung.
 
 
 

«Wenn wir auf dem Schlauch stehen!»
Verstehen, was Jesus meint!

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Das versteh ich jetzt nicht! Wie kann Jesus sowas sagen? predigt 28.06.2020
«Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert,
und wer Sohn und Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.» (Mt 10 37-38).
Was soll das heissen? Jesus, ich stehe auf dem Schlauch! Und ehrlich gesagt kommt das immer mal wieder vor, dass ich Jesus nicht verstehe. Jedenfalls nicht auf Anhieb.
Das ist sicher auch eine Wahrheit unseres Glaubens: Dass man nicht alles erklären kann – schon gar nicht objektiv. Wenn religiöse Funktionäre anfangen, uns allzu bestimmt die eindeutige Wahrheit über Gott und den Glauben zu erzählen, dann sollte uns das immer stutzig machen. Sicher, man kann man vieles gut verstehen in der Bibel. Einiges ist sonnenklar. Und ja, an Jesus wird viel offensichtlich, was und wie Gott ist.
Aber es ist eben nie alles klar. Es bleiben Unklarheiten, es bleiben Grauzonen. Es gibt, wenn wir über Gott sprechen nicht die eine, einzige und reine Wahrheit. Gott ist die Wahrheit. Aber Gott ist gross, grösser als unser Verstand. «Wenn du es begriffen hast, ist es nicht Gott.» (Augustinus). Vorsicht also, wenn es ideologisch wird im Glauben. Wir können uns der Wahrheit, wir können uns Gott nur nähern. Aber wir werden die Wahrheit nie besitzen. Weil wir Gott nicht besitzen können.
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Über unseren heutigen Text wissen die Exegeten (die Bibelwissenschaftler) nicht viel. Das tröstet mich. Auch die Spezialisten können diese Aussagen von Jesus nicht recht einordnen.
Manchmal ist es mit dem Glauben halt wie mit dem ganzen Leben. Man muss das Sperrige, das Widersprüchliche einfach auch aushalten. Das Leben ist nicht nur 1 oder 0, nicht nur schwarz oder weiss, gut oder böse.
Und nebenbei bemerkt: Jesus war ein junger Mann. Und er war ein Idealist. Da geht einem vielleicht auch mal das Temperament durch. Und dann haut man im Eifer so ein Statement raus. Und käme ja im Traum nicht drauf, dass das noch zweitausend Jahre lang nachhallt und alle sich darüber den Kopf zerbrechen.
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Wenn man mit objektivem Forschen und Wissen bei einer Bibelstelle nicht weiterkommt, hilft es oft auf die subjektive Ebene zu gehen. Das finde ich völlig legitim. Zu fragen: «Was löst dieser Text denn in mir aus? Was spricht mich an? Was stört mich? Was höre ich gerne. Was möchte ich lieber nicht hören?»
Schliesslich kann es ja gut sein, dass Jesus mir ganz persönlich etwas sagen will. Etwas, was nur mir gilt. Etwas, was bei mir vielleicht einen blinden Fleck offenlegt, etwas, dass ich gerne verdränge und übersehe. Vielleicht wird das jetzt gerade wichtig ist. Es ist dran und es ruft mich zu etwas heraus. Zu einer Veränderung oder Bekräftigung, zum Umkehren oder eben zu mutigen Weiter-so.
Was mir dann doch heute bei Jesus auffällt, ist diese totale Konsequenz, die seiner Rede. «Wenn nicht…, dann…!» «Wenn du dieses oder jenes tust oder nicht tust, dann bist du meiner nicht wert.» Das Bekenntnis zu Gott, zu Jesus, es muss sich scheinbar ausdrücken. Da muss was konkret werden. Christ-Sein nur mit Worten reicht scheinbar nicht aus. Es braucht immer auch die Tat, damit das Bekenntnis zu Jesus Hand und Fuss bekommt.
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Da klingt jetzt etwas in mir an! Das kommt mir bekannt vor. Denn oft fehlt mir diese Konsequenz. Da weiss ich, jetzt müsste ich mutig sein. Und zieh ich mich doch lieber zurück und lass andere machen. Oder es wäre definitiv an der Zeit, zu verzeihen. Und ich falle doch wieder in die Rolle des ach so armen Opfers zurück. Da wäre die Chance da, etwas zu verändern und ich denk: «Ach, ich mach das ein anderes Mal.»
Da fehlt mir die Konsequenz. Und vielleicht will mich Jesus genau darauf aufmerksam machen. «Du weiss es doch. Du könntest es doch. Dir ist klar, wie wichtig, ja entscheidend das jetzt ist.»
Was mich abhält vom Tun, ist oft Bequemlichkeit, da möchte ich meine Ruhe haben und gebe mich zufrieden mit dem Status Quo. Manchmal ist da auch eine unbestimmte Angst über meinen Schatten zu springen, die Scheu vor neuem und unbekanntem Terrain.
Da lässt Jesus aber offensichtlich keine Ausreden gelten, kein «ich müsste noch rasch». Da zählt noch nicht mal die Familie, die ja angeblich immer vorgeht. Das meint er vielleicht, wenn er sagt: «Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.» Das Kreuz, das ist für mich das unangenehme. Das, was ich jetzt auf mich nehmen müsste. Das, was jetzt dran wäre, was getan werden muss, im Wissen, dass es zwar Überwindung braucht und anstrengend ist. Dass es danach aber besser wird, erlöster und lebendiger.
Dem darf ich nicht ausweichen. So verstehe ich diesen Text – also doch noch. Das, was ich als gut und richtig, als ziel- und weiterführend erkannt habe, das sollte ich im Sinne Jesu auch tun. Das höre ich ungern. Aber ich weiss, dass es wahr und richtig ist.
Und wenn es nicht so persönlich wäre, würde ich dir jetzt ein paar sehr handfeste und reale Situationen in meinem Leben nennen, die mir da in den Sinn kommen und die längst angegangen gehören.
Aber viel interessanter als meine Beispiele sind deine to-do’s. Was möchte bei dir getan werden? An was hätte Jesus Freude, wenn du es endlich anpacken würdest? Vielleicht kommt dir etwas in den Sinn.
Gehen wir doch gemeinsam runter vom Schlauch. Lassen wir uns neu motivieren. So oder so: Ich wünsche dir eine gute Woche!

(Christian Kelter, Hünenberg, 28. Juni 2020)