Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne wieder die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter zur Verfügung.
 
 
 

«Für wen haltet ihr mich?»
Das Phänomen Jesus
Mt 16,13-20
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«Für wen halten die Menschen mich?» fragt Jesus die Jünger. Immer eine spannende Frage. Wie werde ich von anderen wahrgenommen? gift habeshaw wsvv bl2 qc unsplash
Die Jünger beschreiben Jesus durchweg positiv. Man hält dich für einen Propheten, einen Seher und Visionär. Das sind echte Komplimente. Die Leute haben eine ziemlich hohe Meinung von Jesus. Irgendwie klingen die Erklärungsversuche aber trotzdem ein bisschen hilflos und ratlos.
Jesus ist eben nicht zu fassen. Er passt in kein Muster. Er lässt sich mit niemandem vergleichen. Für Jesus gibt es kein Vorbild. Er ist das Original!

Es hat in der Geschichte des Christentums dann auch sage und schreibe 400 Jahre gebraucht, bis man das akzeptieren konnte. Jesus ist irgendwie beides: Er ist echt Mensch (greifbar) und echt Gott (unbegreiflich).
Wie kann man sich das denken, und was das heisst, für dich und mich? Ich versuche es mit drei biographischen Eckpunkten von Jesus deutlicher zu machen.
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1. Jesus wurde geboren!
Die Geburt ist immer wichtig. Bei Jesus aber gar nicht mal. Nichts gegen Weihnachten – das ist ein nettes Fest. Aber ohne Ostern würde sich heute wohl niemand von uns mit Jesus beschäftigen. Dazu später. Über die Geburt von Jesus wissen wir tatsächlich auch relativ wenig. Seine Herkunft bleibt im Dunkeln. Der Heilige Geist sei über Maria gekommen, sagt die Bibel. Gott, nicht Josef, sei der Vater. Hier geht’s der Bibel wohl wie uns allen. Nichts Genaues weiss man nicht. Klar ist aber: wenn Gott etwas Neues beginnen will, dann kann er das. Und dann hält er sich sicher nicht zwingend an Naturgesetze. Das ist die Botschaft, die zählt! Niemand, keine Frau und kein Mann, kann Gott machen. Wir können Gottes Tun nicht beeinflussen. Wir können uns sein Dasein nicht verdienen. Gott schenkt sich uns. Salopp gesagt: Jesus ist Maria in den Schoss gefallen. Einfach so aus lauter Liebe. Jesus ist Gottes Geschenk für die Welt. Wo genau Jesus herkam, wissen wir nicht. Was er tat, wissen wir dafür umso besser.
Durch Jesus zeigt Gott wie er ist und was er will: Wo andere ausgrenzen, nimmt er an. Wo andere niedermachen, richtet er auf. Wo verurteilt wird, schenkt er Versöhnung. Wo vertrieben wird, sammelt er. Wo man am Ende ist, gewährt er einen neuen Anfang. Jesus ist eine historisch verbriefte Figur. Er wirkt mitten in der Welt und ist mit seinem ganzen Sein doch nicht von dieser Welt!
Was heisst das für dich? Wie hört sich das für dich denn an? Gott schenkt sich dir. Du musst ihn dir nicht verdienen. Aber du kannst versuchen zu tun, was Jesus getan hat. Das geht. Glauben ist kein Leistungssport. Aber Glauben ist ein Tun-Wort.
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2. Jesus starb am Kreuz!
Wichtiger als die Geburt ist der Tod von Jesus am Kreuz. Klingt komisch. Ist aber so. Viel zu früh, mit 33, stirbt Jesus den Tod eines Verbrechers. Intoleranz, Machtgehabe, Hass, Engstirnigkeit, Neid und die Freude am Gewaltexzess bringen ihn ans Kreuz. Gott stirbt am Kreuz. Was für eine völlig paradoxe Vorstellung. Nicht aber bei Jesus.
Warum Gott das nicht verhinderte? Weil dann ja doch wieder alles beim Alten geblieben wäre. Der Stärkere gewinnt. Wer Macht hat, macht was er will. Das alles hat Jesus doch mit seinem Leben auf den Kopf gestellt. Es geht auch anders. Gott will es anders. Indem Jesus stirbt zeigt er: So sehr liebt Gott die Welt, dass er sich sogar von ihr hinrichten lässt. «Liebe ist geduldig, Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie lässt sich nicht zum Zorn reizen, sie trägt das Böse nicht nach. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.» (1 Kor 13,4-8)
Das ist die Message: Gottes Liebe ist stärker- auch als der Tod. Alles Leid und allen Tod dieser Welt nimmt Jesus mit ans Kreuz. Alles, was wir je an Schrecklichem erleben oder erleiden werden, ist da am Kreuz schon hingeben worden von Jesus. Es relativiert nicht den Schrecken dieser Welt. Der bleibt. Aber er hat nicht das letzte Wort. Gott identifiziert und solidarisiert sich mit uns allen. Sogar die Täter nimmt er mit. Statt ihnen die Hölle anzudrohen – auf Erden und im Himmel – spricht er auch ihnen Gerechtigkeit und Versöhnung zu. «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!» (Lk 23,34)
Was heisst das für dich? Was immer dir zustösst, Gott ist mit seiner Liebe an deiner Seite. Gott will das Leid nicht. Aber er weicht ihm auch nicht aus. Gott stellst sich in Jesus allem Leid, allem Hass, aller Ungerechtigkeit. Was macht das mit dir, Jesus an deiner Seite zu wissen?
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3. Jesus ist von den Toten auferstanden!
Wäre Jesus nicht von den Toten auferstanden, hätten die Jünger mit ihren vagen Beschreibungen recht gehabt. Dann wäre er ein aussergewöhnlicher Mensch gewesen. Aber niemand würde heute noch von ihm sprechen. Nein, alles bekommt erst Sinn, weil Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. Wäre er das nicht, dann wäre das Leben eine Illusion, Schall und Rauch. Nichts wäre von Bestand, alles wäre relativ. Ja und auch der Glaube an Gott, dass Tun der Christen, das Feiern von Gottesdiensten. Es wäre schöne Folklore. Aber es wäre letztlich leer und sinnlos. Dass er aber aus dem Tod zu neuem Leben auferstanden ist, lässt dieses eine und einzigartige Licht auf ihn fallen. «Tatsächlich, dieser Mensch war Gottes Sohn.» (Mk 15, 39). Das bezeugen die Jüngerinnen und Jünger. Und sie setzten ihre ganze Existenz auf diese Erfahrung. Es ist ähnlich wie bei Jesu Geburt. Was genau passiert ist, wissen wir nicht. Aber dass etwas passiert ist, das kann man nicht leugnen.
Wir wissen nicht, was nach dem Tod kommt. Aber seit Jesus wissen wir, dass etwas kommt. Und es muss grossartig sein und wunderbar und eben unfassbar. Die Jüngerinnen und Jünger sind Zeugen dafür.
Was heisst das für dich? Dein Leben hat eine Perspektive. Lebe es. Wage etwas. Zweifel ruhig. Und hadere, wenn’ s dir danach ist. Es ist ok und normal, wenn du mal scheiterst. Jesus wird dann und für immer und ewig für dich da sein!
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Tja, für wen halten wir, für wen hältst du Jesus? Du merkst, die Frage wird nie abschliessend beantwortet sein. Wir brauchen auch keine fixen Vorstellungen. Es gibt gute Gründe an Jesus zu glauben. Aber wir sollten nie meinen, wir hätten ihn in der Tasche. Er ist immer anders, dauernd überraschend, wieder und wieder neu. Nur eines ist gewiss: Er ist immer für dich da!

(Christian Kelter, Hünenberg, 23. August 2020)