Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne wieder die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter zur Verfügung.
 
 
 

«Tritt hinter mich, du Satan!»
Zum Teufel mit dem Teufel
Mt 16,21-27
________________________________________

Dann und wann spricht die Bibel vom Satan. So auch heute. Da beschimpft Jesus seinen Kollegen Petrus mit einem heftigen: «Tritt hinter mich, du Satan!» An einer anderen Stelle streitet Jesus sogar mit dem Teufel höchstpersönlich. «Tritt hinter mich, du Satan!», das heisst soviel wie: «Geh mir aus den Augen, Satan.» (Mt 4,10) nick coleman 5yuvgw2demw unsplash

Satan? Der Teufel? Gibt’s den? Gerade neo-konservative christliche Kreise haben den Satan jetzt wieder neu für sich entdeckt. Der Teufel als der machtvolle Gegenspieler Gottes. Der, der uns Menschen andauernd verführen und allerlei Versuchungen aussetzen will. Ein gefallener Engel, abgekommen vom guten Weg. Vom Himmel gefallen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Spannend ist so ein Gedanke ja. Ich gebe es offen zu. Menschen aller Zeiten waren und sind davon fasziniert. Irgendwie haben wir das magische Denken ein bisschen in den Genen. Geister und Teufelskult: Es scheint, das hat auch die Aufklärung noch nicht ganz aus unseren Köpfen verbannt.

Quatsch ist es trotzdem. Und damit wir die Vorstellungen vom Teufel endlich und definitiv zum Teufel jagen können, gibt’s jetzt ein paar Gedanken dazu:
________________________________________
Also eben: Die Vorstellung eines Leibhaftigen ist reizvoll. Wunderbar spooky. Manche kriegen da sogleich ein herrlich schönes Schaudern.
Wenn der Teufel eine Person wäre, so ein richtiges Gegenüber, das hätte aber auch noch einen anderen handfesten Vorteil. Dann wäre das Böse ja quasi ausserhalb unserer selbst. Dann gäbe es jemand, der mich zum Bösen verführen will. Neid, Egoismus, Hartherzigkeit… das wäre dann gar nicht ich. Das wäre der Satan, der das von aussen an mich herantragen würde. Und dann wäre ich definitiv fein raus. Dann ist Satan schuld, wenn ich mich wie ein Teufelchen benehme. «Sorry! Das bin nicht. Ich kann nichts dafür. Dieser Kerl ist einfach stärker als ich.»
Ja, das personifizierte Böse würde mich schön entlasten. Ich vermute, viel von der Faszination des Satans kommt – bewusst oder unbewusst - genau daher. Zudem passt das alles wunderbar in dieses (ja auch wieder in Mode gekommene), schwarz/weiss- und gut & böse Denken populistischer Agitatoren. Die gibts ja auch in religiösen Kreisen. Aber so einfach ist die Welt nicht gestrickt. Und auch wir Menschen sind eben sehr vielschichtige und komplexe Persönlichkeiten.
________________________________________
Das Wort „Teufel“ stammt aus dem Altgriechischen. Dort heisst es «Diábolos». Der Diábolos ist wörtlich übersetzt der «Durcheinanderwerfer», der «Verwirrer, Faktenverdreher, Verleumder». «Dia» heisst «auseinander» und «bállein» heisst «werfen». Der Diabállein ist also einer, der ein Zerwürfnis stiftet, der andere schlecht macht und verleumdet.
Und jetzt mal Hand aufs Herz! Das bin ich selbst. Verwirrt, verdreht, dass bin ich häufig selbst. In mir und meinem Herzen herrscht dann Verwirrung. Das Gefühlschaos, das gibt es regelmässig in mir. Nein, dass kann ich nicht einem Teufel ausserhalb meiner selbst in die Schuhe schieben. Das bin ich. Das ist meine Persönlichkeit. Ich – und ich nehme an – niemand von uns ist immer ganz er oder sie selbst. Wir sind oft in uns selbst zerrüttet.
Das ist der Preis der Freiheit, die Gott mir geschenkt hat. Ich kann mich jederzeit frei entscheiden. Ich kann das Gute wählen und tun. Ich kann mich aber auch zum bösen Tun entscheiden. Ich und nur ich bin es, der das entscheidet. Und ich bin eben längst nicht immer kongruent, übereinstimmend, mit dem, wie ich eigentlich sein möchte.
Dann bin ich plötzlich nämlich doch ängstlich, wo ich Mut beweisen wollte. Ich bin egoistisch, wo ich selbstlos handeln wollte. Ich verlasse mich auf mich selbst, wo ich eigentlich auf Gott vertrauen möchte. Dann bin ich diaballein, durcheinander. Und nicht selten richte ich mit diesem Verhalten auch in meinem näheren Umfeld eine Menge Unheil an.

________________________________________
Petrus ist da so ein bisschen der Prototyp des Menschen. An ihm sehen wir es quasi exemplarisch. Er sucht nach Gott. Es ist ihm Ernst. Er will Jesus nachfolgen. Und dann beginnt er Jesus doch vorzuschreiben, wie er zu handeln hat. «Das soll Gott verhüten, Jesus! Das darf nicht geschehen!» (Mt 16,22b). «Ich nenne dich zwar meinen Herrn und Lehrer, Jesus, aber in dem Fall weiss ich es besser.» Irgendwie logisch, dass Jesus ihm über den Mund fährt. «Tritt hinter mich, du Satan!» «Red’ keinen Mist, Petrus! Du Teufel, du verwirrter.»
Ich finde es noch tröstlich, dass auch Jesus manchmal die Nerven verliert. Dann bin ich also in guter Gesellschaft. Jesus bleibt aber nie bei der Kritik stehen. Er eröffnet immer eine neue Perspektive. Den Petrus macht er, trotz seiner Verwirrungen, gleich mal zum Verantwortungsträger. Jesus schenkt Petrus Vertrauen. Und so kann auch Petrus nach und nach ins Vertrauen auf Jesus hineinwachsen.
Schön, dass dasselbe auch uns gilt. Jesus legt uns nicht auf unsere Verwirrungen und Teufeleien fest. Jesus vertraut uns. Jesus glaubt an uns.
«Tritt hinter mich, du Satan!», das gilt auch uns. Immer wenn du die Welt nicht mehr verstehst. Immer wenn du an Gott und an den Menschen zu verzweifeln drohst. Dann tritt hinter Jesus. Reih’ dich hinter ihm ein und folge ihm. Vertraue ihm mehr, als dir selbst. Glaub’ daran, dass er mehr Überblick und Weitblick hat für dein Leben, als du es je haben kannst. Vertrau’ darauf, dass er dich mehr liebt, als du dich je selber lieber kannst.
Das soll reichen. Alles andere kannst du getrost zum Teufel schicken.

(Christian Kelter, Hünenberg, 30. August 2020)