Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne wieder die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter zur Verfügung.
 
 
 

«Vergib uns, wie auch wir vergeben.»
Über ein Basic christlichen Lebens.
Mt 18,21-35
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Kann ein Kind seinem Vater verzeihen, dass er Frau und Kinder verliess und sich nie mehr meldete? Kann der Schüler seinem angeblichen Freund vergeben, der ihn mit allzu persönlichen Fotos im Internet kompromittiert hat? Ist eine Frau in der Lage, ihrem Partner den gebeichteten Seitensprung zu verzeihen? pair 3879443 1920
Kann man immer und in jedem Fall verzeihen? Ist es überhaupt sinnvoll und gut, dem anderen immer wieder eine neue Chance zu geben? Wie bekomm ich meine Selbstachtung zurück? Indem ich hart bleibe und unversöhnlich? Oder indem ich Vergebung zuspreche?
In der Philosophie werden diese Fragen immer mal wieder kontrovers diskutiert und durchaus sehr unterschiedlich beantwortet.
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Was aber sagt Jesus dazu? Im Evangelium an diesem Sonntag fühlt Petrus bei Jesus diesbezüglich einmal vor: «Jesus, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?» Und Jesus antwortet: «Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.»
Erklären muss ich vielleicht zuerst einmal die Zahlenspielerei. Keine Angst: Hier geht es nicht um das 7er Einmaleins. Es geht um Symbolik. Die 7 ist die Zahl der Fülle – auch im religiösen Zusammenhang: So wurde die Stadt Rom auf 7 Hügeln erbaut. Die Welt ist in 7 Tagen erschaffen worden. Der jüdische Sabbat ist am 7. Tag der Woche. Im Matthäusevangelium erzählt Jesus 7 Gleichnisse, im Johannesevangelium wirkt er 7 Wunder. Das Vater Unser besteht aus 7 Bitten. Die Kirche kennt 7 Sakramente usw.
Die Frage des Petrus ist also tendenziös, einseitig gefärbt. «Muss ich wirklich unendlich oft verzeihen?» Jesus steigt auf das Spiel ein. Er potenziert das Unendliche quasi noch einmal um das zehnfache. Heisst: Beim Verzeihen darf es keine Obergrenze geben.
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Klingt einfacher, als es ist. Welche Erfahrungen hast du mit dem Verzeihen? Ich habe gemerkt: Verzeihen wirkt entlastend. Geschehenes Unrecht kann in vielen Fällen nicht mehr gut gemacht werden. Mist gebaut, bleibt Mist, der gebaut wurde. Und trotzdem: Wenn uns eine Person, die wir verletzt haben, vergibt, dann sind wir froh. Wir fühlen uns befreit. Die Vergebung ist die Chance zum Neuanfang. Das Leben fühlt sich wieder besser an. Passiert ist passiert. Aber wir können uns künftig wieder unbefangen begegnen. Wir können uns wieder in die Augen schauen.
Das gilt auch anders herum. In vielen Fällen berichten auch die Opfer, dass es ihnen gutgetan hat, zu verzeihen. Auch hier ist es befreiend, wenn man der Person verzeihen kann, die einem etwas angetan hat. Durch den Akt des Verzeihens durchbrechen wir den Teufelskreis des wie-du-mir-so-ich-dir. Wir können unsere schlechten Gefühle ablegen. Und: Durch das Verzeihen erlangen wir unsere Selbstachtung zurück. Wir erleben, ich bin im Stande zu handeln. Ich bin nicht mehr machtlos. Wir kehren zurück zu einem gegenseitigen Wohlwollen. Wir können neu miteinander anfangen.
Es ist also nicht nur für unser soziales Miteinander unverzichtbar. Es ist auch für unseren Selbstwert wichtig, Versöhnung zu praktizieren. In Schuld sind wir verstrickt. Schuld macht unfrei – Opfer und Täter gleichermassen. Verzeihen setzt frei und bewirkt eine neue Lebensqualität. ________________________________________
Aber gibt es nicht auch Ereignisse, die schwer oder vielleicht gar nicht zu entschuldigen sind? Kann wirklich alles verziehen werden? Das Massaker von Srebrenica, der Völkermord in Ruanda, allem voran wohl der Holocaust. Gibt es nicht Schuld, die so gross ist, so verworren und komplex, dass sie nie gesühnt ist und nie vergessen werden darf? Es sind nicht nur die grossen, es sind manchmal auch die kleinen, für die Allgemeinheit unsichtbaren Tragödien, die es uns schwer machen, zu verzeihen.
Im weiteren Verlauf des Evangeliums erzählt Jesus von einem Billigarbeiter, der bei seinem Arbeitgeber hohe Schulden hat. Es heisst dann: « Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.»
Das sollten wir immer auch mitbedenken! Verzeihen ist immer ein Geschenk. Ich kann niemand dazu zwingen, mir zu verzeihen. So wie ich auch niemand dazu zwingen kann, mich zu lieben. Liebe und Verzeihen sind immer ein Geschenk. Wir haben kein Recht darauf. Wir können es nicht einklagen. Ein Geschenk ist unverfügbar. Ich kann vielleicht nicht einmal mich selbst dazu zwingen, dass ich jemandem Vergebung zuspreche.
Gott kann! Gott ist so sehr Liebe, dass er sich permanent verschenkt. Wir können hier das Wort der Barmherzigkeit ins Spiel bringen. Gott hat ein Herz – für die Opfer, aber auch für die Täter. Und Gott wird, das lässt Jesus immer wieder anklingen, für Gerechtigkeit sorgen.
Gerechtigkeit ist nicht Strafe. Gerechtigkeit bewirkt, dass die Dinge wieder recht werden. Gott macht, dass es allen recht ist. Gott richtet, indem er aufrichtet, was runter gemacht wurde. Gott richtet, indem er gerade macht, was verbogen war.
Auf diesen Gott können wir uns verlassen! Und das kann uns motivieren, dass wir einander vergeben – dass wir es tun, wieder und wieder. Die Gabe des Vergebens ist eine der unverwechselbarsten und wertvollsten Eigenschaften, die wir als Menschen haben. Nutzen und kultivieren wir sie!
Im Vater Unser hat Jesus uns beten gelernt: «Gott, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir einander unsere Schuld vergeben.» Das ist also ein Basic unseres Glaubens!
Und da, wo Vergebung nach menschlichem Ermessen nicht möglich wäre, da dürfen wir auf Gottes Erbarmen und seine Barmherzigkeit vertrauen. Gott können wir unsere Schuld übergeben. Denn Gott hat ein Herz, Gott hat Mitleid mit aller Schuld. Er nimmt das und er trägt das – und er trägt damit uns alle!

(Christian Kelter, Hünenberg, 13. September 2020)