Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne wieder die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter zur Verfügung.
 
 
 

«Et voilà, da bin ich!»
Weil Gott unkompliziert ist.
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An diesem Wochenende feiern wir in unserer Pfarrei Firmung und Erstkommunion. Der Bibeltext ist für alle derselbe:
Der Pächter einer Zollstation, Zachäus, möchte Jesus sehen. Weil er klein ist, steigt er auf einen Baum damit er Jesus nicht verpasst. Zu seiner Überraschung nimmt dieser ihn auch sofort wahr. Jesus spricht ihn an und lädt sich zum Essen bei ihm ein. Für Zachäus eine Erfahrung, die ihn in jeder Hinsicht weiterbringt. In den Augen der Frommen und bürgerlich Etablierten geht das aber gar nicht. Zolleintreiber sind gesellschaftlich geächtet.di an h k7c7hleh hq unsplash Sie arbeiten für die feindliche Besatzungsmacht. Zudem bereichern sie sich mit überhöhten Zöllen an ihren Landsleuten. «Gottes Sohn bei einem unwürdigen Sünder? Ein No-Go!» Jesus sieht das anders. Basta! Das ist die Geschichte.
Die Botschaft ist für alle, die an diesem Wochenende mit uns Firmung und Erstkommunion feiern, einfach, klar und deutlich: «Jesus sucht dich! Er möchte bei dir sein!»
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Klingt logisch und verständlich, ist es aber doch nicht ganz. Ausgerechnet wir als Kirche verdunkeln nämlich allzu oft diese fundamental wichtige Botschaft! Vielfach unbewusst leben und lehren wir das Gegenteil.
Dass kennst du vielleicht aus eigener Erfahrung. Um erstmals zur Kommunion gehen zu dürfen, später dann zur Firmung, muss man vielerorts ein bestimmtes Programm absolvieren. Die Pfarrei stellt eine Art Parcours zusammen aus allerlei Aktivitäten. Diverse Glaubensunterweisungen, Tage für Eltern und Kinder, Nachmittage an denen allerlei Buntes gebastelt wird. Die Firmbewerber besuchen ein Wochenende, Themenabende oder sogar beides. Und: da muss man hingehen – immer und überall. Das ist obligatorisch. Doch am Ende steht dann der Preis. Erstkommunion, Firmung! «Hey, gratuliere, du hast es geschafft.»
Wir Kirchenleute haben die Begegnung mit Jesus durchpädagogisiert. Was auf anderen Gebieten gilt, haben wir einfach übernommen. «Von nichts kommt nichts. Und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.» Wir geben unbewusst weiter, was wir selbst erlebt haben.
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Mit Jesus hat das alles wenig zu tun. Der ging auf die Leute zu (wie bei Zachäus) – einfach so. Jesus stellt keine Bedingungen. Er kommt. Er ist da. Er lädt sich ganz unkompliziert auch selbst mal ein.
Vermitteln wir als Kirche einen solch unkomplizierten, neugierigen und offenen Gott? Ich bin da skeptisch. Zu uns müssen die Menschen immer hinkommen: zur Kirche, in den Religionsunterreicht, zum Themenabend, ins Firm- Wochenende etc. Da sind wir streng. Kein Wunder ist die erste Frage der Menschen immer die, nach dem Aufwand.
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Glaube aber ist kein Programm. Glaube ist kein Kurs an dessen Ende eine Prüfung und ein Diplom stehen. Glaube ist Beziehung. Glaube ist Beziehung mit Jesus Christus.
Keiner, der sich Freundschaft oder Liebe wünscht käme vorab auf die Idee nach den Bedingungen zu fragen. «Was muss ich denn machen, damit wir Freunde werden?» «Was soll ich über dich wissen, damit wir uns verlieben?»
Da liegt der Fehler! Ein kirchliches System, dass den Glauben durchpädagogisiert hat, kann nicht glaubhaft sein und schon gar nicht attraktiv. Es schafft vielmehr Unmündigkeit. Unmündigkeit aus der sich die Menschen zu Recht befreien möchten!
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Bereits im Alten Testament erscheint Gott einem jungen Mann, der Moses heisst. Der hat keine Ahnung von Gott und staunt nicht schlecht, als Gott sich vorstellt als der «Ich-bin-da». Gottes Name ist Programm. Gott ist da! Auch wenn du keinen Schimmer von Gott hast. Er ist da. Das sage nicht ich. Das ist biblisch verbrieft. Ohne dein Vorwissen und ohne deine Vorleistung ist Gott für dich der «Ich-bin-da».
Und wir sehen es an Jesus. Jesus geht auf alle zu: Auf Arme und Reiche, auf Gesunde und Kranke, auf Integrierte und Ausgestossene, auf Fromme und auf sog. Ungläubige.
Weisst du was das heisst? Das heisst, er geht auch auf dich und mich zu. So schräg und so komisch, so schwach und so ungläubig können wir beide gar nicht sein, als dass Jesus sich nicht auch für uns beide interessieren würde.
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Und was machen wir jetzt damit? Zachäus in der Geschichte, auch Moses und die anderen, lassen sich auf Jesus ein. Sie sagen «ja» zu ihm und schauen einfach mal, was passiert. Und ihr Leben wird anders mit Jesus. Das Gleiche fühlt sich plötzlich anders und besser an. Alles wird irgendwie weiter und freier und bekommt mehr Möglichkeiten.
Wie man das machen kann, sich einfach mal auf Gott einlassen? Nun, Zachäus ist offen. Er hat eine Sehnsucht nach Mehr. Und er nimmt Jesus bei sich auf. Die Kinder bei unserer Erstkommunion machen das, indem sie ihre Hände öffnen und Amen (Ja) sagen. Und über diese offenen Hände kann Jesus dann buchstäblich hineinkommen in ihr Leben. Die Firmlinge bieten Gott quasi die Stirn und erhalten mit dem Kreuzzeichen darauf das Siegel, dass Gott für immer zu ihnen steht.
Was du tun kannst? Es kommt ein bisschen auf deine konkrete Situation an. Wenn du krank bist, rechne doch damit, dass er dich auf deinem Weg begleitet. Wenn du glücklich bist, glaube doch daran, dass er sich mit dir freut. Wenn du gestresst bist, nimm ihn doch zum Anlass für eine kurze Atempause. Wenn du im Leben feststeckst, erinnere dich daran, dass er dir Freiheit zuspricht.
Dass ist das schöne an Gott: die Begegnungen mit ihm sind sehr individuell und ganz situativ Und sie sind vor allem eines: extrem unkompliziert.

(Christian Kelter, Hünenberg, 20. September 2020)