Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter als Podcast zur Verfügung.
 
 
 

«Du kannst ein Arsch sein!»
Und warum ich Gott trotzdem lieben kann
Mt 22,34-40
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«Darf man Gott ein Arsch nennen?» Das fragte mich letzten Sonntag ein besorgter Gottesdienstteilnehmer. Grund dafür war der Film «Gott, du kannst ein Arsch sein». Er läuft derzeit in unseren Kinos. Die Frage hat mich die ganze Woche über begleitet. Ein guter Denkanstoss.
Und jetzt kommt dieses Evangelium! Jesus sagt: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.»people 4026703 1920
Bähm, da ist sie noch einmal und jetzt vehementer, die Frage wie das ist mit meinem (und mit deinem) Verhältnis zu Gott. Darf ich Gott ein Arsch nennen? Und kann ich IHN dann trotzdem lieben?

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Ich hole mit meinem Nachdenken ein bisschen aus. Vergangene Woche haben meine Frau und ich den 20. Hochzeitstag gefeiert. Wie die Zeit vergeht! Ich bin froh und auch ganz schön stolz, dass wir es bis hierhin geschafft haben. Das ist nicht selbstverständlich. An ihr habe ich ja nie gezweifelt. An mir dafür schon. So lange eine Beziehung zu führen. Da passiert ganz schön viel. Und manchmal passiert auch ganz schön wenig. Und beides ist anspruchsvoll.
Ein bisschen so ist es vielleicht auch in der Beziehung zu Gott. Denn das heisst Christ zu sein ja: Mit Gott eine lebendige Beziehung zu haben. Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir jetzt ein bisschen von mir erzähle. Hier und da werden meine Vergleiche etwas hinken. Vielleicht helfen sie trotzdem.
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Ich werde nie vergessen, wie ich mich verliebt habe. Es war ein Augenblick, wo es mir ziemlich schlecht ging. Meine Frau hat mich quasi aus dem Sumpf gezogen. Als mein Selbstwert am Boden war, hat sie mich aufgebaut. Sie hat das Beste in mir geweckt und tut es heute noch. Bei ihr darf ich sein, wer ich bin. Das gibt mir so viel Vertrauen. Daraus kann ich gut leben. Das ist Liebe!
Auch in meiner Beziehung zu Gott gibt es immer mal wieder solche «wow-Momente». Augenblicke, wo ich spüre: Er ist da, jetzt! Manchmal bekomme ich dann regelrecht Hühnerhaut. Dann bin ich im doppelten Sinn berührt. Und dann flammt die Liebe auf. Ich merke, ER schätzt mich. Ich bin so viel wert für IHN. Ich spüre, dass ich etwas kann und dass das irgendwie gar nicht mein Verdienst ist. Es ist als ob es mir zugeflogen wäre. ER hat es mir geschenkt. ER hat mich ermächtigt. Wow, Gott, mit dir will ich für immer leben.
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In unserer Ehe – und da will ich ehrlich sein – gibt es aber auch ganz schön viel Alltag. Zeiten, wo einfach zu viel anderes los ist, wo ich den Kopf mit allem möglichen voll habe. Da leben wir dann mehr nebeneinander als miteinander. Wichtig ist es, dass das nicht zum Normalzustand wird. Mit der Zeit haben meine Frau und ich ein paar Tricks gefunden, wie wir uns immer mal wieder Zeit für uns nehmen können. Das hilft, dass wir zu einander finden. Das ist schön und tut gut.
Ähnlich erlebe ich das mit Gott. Oft ist mir ER mir viel zu selbstverständlich. Ich bin beschäftigt, bin innerlich besetzt. Ich bin nicht bei mir. Dann nehme ich Gott kaum war, geschweige, dass ich für sein Dasein dankbar wäre. Aber auch bei Gott weiss ich, es gibt ein paar Tricks und dann komme ich wieder in seine Nähe. ER ist mir nicht böse. Ich kann mit ihm immer wieder neu anfangen. Es ist wie bei guten Freunden: Du hast dich ewig nicht gesehen, du triffst dich und dann ist es, als ob es erst gestern gewesen wäre. Gott kann auch Alltag.
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Manchmal war es in unserer Ehe auch zäh. Nicht, dass wir uns jemals das A-Wort gesagt hätten. Aber, ja - es ist zwar selten - aber manchmal kann ich schon ein Arsch sein. Dann bin ich engherzig, egoistisch, ungerecht. Ich habe Erwartungen, die keiner je erfüllen kann. Daran scheitern ja die meisten Ehen: An zu hohen Erwartungen, die die Partner aneinander haben. Wichtig ist es bei solchen Störungen, dass man trotz allem im Gespräch bleibt. Dass man aussprechen kann, was einen stört und was man sich anders vorstellt. Solange man miteinander redet reisst die Beziehung nicht ab. Selbst ein Streit zeigt ja, dass man einander wichtig ist. Erst wenn man sich nichts mehr zu sagen hat. Dann wird es ganz schwierig.
Auch an Gott habe ich manchmal falsche Erwartungen. Ich meine dann, er müsste tun, was ich möchte und was mir jetzt gerade guttut. Ich bin dann enttäuscht von Gott.
Im Film «Gott, du kannst ein Arsch sein», geht es um eine gerade sechzehnjährige. Sie bekommt die Diagnose Krebs und hat nur noch kurze Zeit zu leben. Nicht nur ihre Pläne sind dahin. Ihre Welt zerbricht. Das gibt es auch in der Bibel. Ich denke z.B. an Hiob, dem alles genommen wird, was ihm lieb und teuer ist. Und der dann hadert mit Gott. Und ich finde zurecht! Je nach Temperament und Wortschatz kann einem da das A-Wort gut und gerne über die Lippen kommen.
Auch Jesus erlebt das! «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Mt 27,46) klagt er am Kreuz. Jesus klagt Gott an. Und vielleicht hat der Chronist aus lauter Anstand den Fluch einfach nur nicht notiert. Vielleicht hat auch Jesus geflucht – das weiss man ja nicht. Sicher ist aber: Indem Jesus Gott anklagt reisst die Beziehung nicht ab. Sie bleiben beieinander! Auch mit seiner Klage (und wenn es ein Fluch gewesen wäre) sagt Jesus: «Du bist mir wichtig, Gott. Ich hoffe auf dich. Ich weiss, dass du mich hörst.» Sonst müsste er Gott ja nicht ansprechen! Auch in der existenziellsten Krise, die ich mir vorstellen kann (dem Tod), bleibt Jesus in Beziehung mit Gott. Es gibt nicht wenige Theologen, die sagen: Da geschieht schon Auferstehung. Die Beziehung zu Gott durchzuhalten auch wenn es schwer ist, auch wenn mir – zu Recht - nach Schreien und nach Fluchen zumute ist, das ist bereits Auferstehung.
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Darf man Gott ein Arsch nennen? Ich meine «ja». Wenn es mir ernst ist mit Gott. Wenn ich festhalten will an der Beziehung. Wenn ich mit Gott meine Krise durchstehen will, im Wissen, dass ER die Liebe ist und die Auferstehung und das Leben. Gott hält mein Fluchen aus. Keine Angst. Ich muss Gott nicht beschützen und nicht schonen. Was wäre das für ein schwacher Gott, wenn ich ihn beschützen müssten. Er ist nicht schwach. Er hat alle Macht! ER ist die Liebe! Diese Liebe liebt und kann nicht anders, als zu lieben: Dich und mich und besonders alle Schwachen und Verzweifelten, die zu ihm schreien und fluchen!

(Christian Kelter, Hünenberg, 25.10.20)