Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter als Podcast zur Verfügung.
 
 
 

«Hausaufgabenüberprüfung!»
Oder wie wir im Gericht bestehen können.
Mt 25, 31-46
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Ich kann Prüfungen nicht leiden! Das ist ein Trauma aus meiner Schulzeit. Da gab es immer Blitztests. Hausaufgabenüberprüfungen. Und die Hausaufgaben hatte ich oft nicht gemacht. Kein Wunder, sah ich bei jedem Test schlecht aus. Peinlich, diese Schmach vor dem Rest der Klasse. Und ärgerlich auch, weil wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam das alles ja eigentlich nicht. Ich hätte es wissen können. Nein, ich hätte es besser wissen müssen. jeshoots com 2vd8lihdnw unsplash
Das Evangelium heute ist auch so eine Art Test. Weil das Ende für uns nun wirklich wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommen könnte. Deshalb will Jesus uns vorbereiten. Und vielleicht, weil Schulen so belehrend wirken, wählt Jesus lieber die Szenerie eines Gerichts. Er selbst ist der Richter. Es wird unterschieden und so auch geschieden. Das Kriterium der Unterscheidung ist die Nächstenliebe. Alle, die sie praktizieren, kommen auf die Seite der „Gesegneten“. Sie erhalten einen Platz im Himmel. Die anderen stehen schlecht da - «verflucht» schlecht – schlimmer, als ich je in einem Klassenzimmer gestanden bin.

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Und jetzt bist du dran! Hast du Lust, wollen wir den mal Test machen? Wagen wir es? Bei Jesus können wir nur gewinnen. Er stellt uns 6 Fragen. Bei jeder Frage sind 3 Antworten möglich. Aber nur eine ist richtig. Kreuze einfach an. Bereit? Los geht’s:

Frage 1: Gibst du Hungrigen zu essen?
a. Wie soll ich 700 Millionen Menschen verköstigen?
b. Also wir haben uns unseren Wohlstand auch hart verdienen müssen.
c. Gut, gibt es Hilfswerke. So kann ich wenigstens indirekt meinen Beitrag leisten.


Frage 2: Gibst du Durstigen zu trinken?
a. Das überlasse ich den Konzernen, die die Wasserrechte besitzen.
b. Wieso, gibt’ s etwa nicht genug Wasser?
c. Ja, auch in meinem Nahbereich kenne ich Möglichkeiten, fremde Not zu lindern.


Frage 3: Nimmst du Fremde auf?
a. Hallo! Wir können doch nicht alle aufnehmen!
b. Ok, ein paar unbegleitete Minderjährige, wenn es sein muss.
c. Ich setzte mich für Frieden, Gerechtigkeit und Umweltschutz ein, damit niemand seine Heimat verlassen muss.


So, Halbzeit, kurze Pause. Fenster auf und mal durchlüften. «Man, Jesus, das sind irgendwie fiese Fragen! Ist mir fast ein wenig zu persönlich» Was? Ok! Weiter geht’s!


Frage 4: Gibst du Nackten Kleidung? (Hier geht’s auch um Menschenwürde allgemein.)
a. Wie Kleidung? Die kauf ich im Discounter und beim Edel-Designer.
b. «Menschenwürde», och komm, das klingt mir jetzt zu moralisierend!
c. Das niemand wegen seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung diskriminiert wird, da kann ich eigentlich leicht meinen Beitrag zu leisten.

Frage 5: Besuchst du Kranke?
a. Du, sorry, aber Kranke machen mich immer so traurig.
b. Also, es gibt auch jede Menge Scheinkranke und Sozialhilfebetrüger. Wollte ich an der Stelle nur mal erwähnen.
c. Krankenbesuche fallen mir echt schwer. Aber wenn ich dann gegangen bin, bin ich nachher ganz froh.


Frage 6: Wie stehst du zu Verurteilten und Gefangenen?
a. Wegsperren die Bande! Macht endlich Schluss mit der Kuscheljustiz!
b. Ich mache um unsympathische Menschen grundsätzlich einen Bogen!
c. Dass Jesus wirklich jeder und jedem noch eine Chance gibt: Unglaublich! Ich steh da staunend und betend davor.

So, schon fertig! War’s schwer? Eigentlich nicht, oder? Irgendwie geht es ja tatsächlich immer nur um Liebe.

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Was mich dabei am meisten erstaunt: Jesus identifiziert sich zu 100% mit den Hungernden, den Fremden und all den Menschen in Not. Und er sagt: Indem ich mich ihnen widme, begegne ich gleichzeitig Jesus selbst. «Was ihr für eine meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.»
Wenn das so ist, dann ist Nächstenliebe doch nicht nur eine Möglichkeit, ein nice-to-have. Dann ist Nächstenliebe nicht nur für Gutmenschen. Nein, dann ist sie eine unerlässliche Bedingung – mindestens für alle Getauften. Ich / wir müssen das tun, wenn unsere Welt nicht schon jetzt die Hölle sein soll. Ich /wir müssen das tun, weil wir zu Jesus gehören.
Im Gleichnis sortiert der Richter Jesus die Menschen nach Gut und Böse. Er sortiert nach solchen, die Liebe praktiziert haben und trennt sie von denen, die die Liebe verweigert haben. Klingt eindeutig. Aber ich stelle bei mir fest: Ich kann das gar nicht so klar trennen. Ich habe beides in mir: Böses und Gutes, viel Liebe, aber auch Gleichgültigkeit, Ablehnung und manchmal sogar Hass.
Am Ende muss auch ich wohl auf die Liebe von Jesus hoffen, auf seine Gerechtigkeit. Er muss Recht schaffen. Er muss es richten. Er muss mich richten: mich geradebiegen und aufrichten. Ich muss darauf hoffen, dass er sich auch mit mir identifiziert. Mit mir, der ich ja auf meine Art hungrig bin und durstig, nackt und krank und fremd und gefangen in mir selbst. Auf seine Gnade muss ich hoffen. Um sein Erbarmen will ich beten.

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Aber anfangen möchte ich auch irgendwie. Anders, als damals in der Schule, möchte ich meine Hausaufgaben jetzt machen. Ich möchte nicht auf dem falschen Fuss erwischst werden. Und dann so tun, als habe ich von nichts gewusst.
Und vielleicht ist es ja gar nicht so schwer. Vielleicht gehe ich einfach mal wieder einen Kranken besuchen. Oder ich lade jemand ein. Vielleicht suche ich ein klärendes Gespräch mit einem Unsympathischen. Oder ich unterstütze mal wieder ein Hilfswerk – so richtig mit Freunde! Die Pandemie muss bei allem nicht als Ausrede gelten. Sie soll mir vielmehr Ansporn sein.
Apropos: Wie war eigentlich dein Testergebnis? Und zu was ruft und motiviert es dich?

(Christian Kelter, Hünenberg, 22.11.20)