Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter als Podcast zur Verfügung.
 
 
 

«Das Wort ist Fleisch geworden!»
Gott singt, weil er ein Lied hat.

Evangelium: Joh 1,1 - 18

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Singen ist verboten! Wer hätte sich das im vergangenen Jahr vorstellen können? Weihnachten ohne Gesang? Eine Christmette ohne «Stille Nacht»? Nicht möglich, undenkbar!
Dass wir jetzt etwas nicht tun dürfen, was zum Elementarsten gehört, was Menschen tun, das macht uns bewusst, wie aussergewöhnlich unsere Situation ist. Und wie eingeschränkt unser Spielraum ist. Das Leben ist nicht machbar! Die Welt ist kein Abenteuer-Spielplatz! Es braucht nicht viel und der Mensch, der sich gerade noch als Krönung der Schöpfung, als Macher, als Homo Oeconomicus, ja als Home-Deus sah -er wird zum ideenlosen, zum planlosen, zum hilflosen Wesen. Nicht einmal mehr Singen geht. Fertig, aus! Ecce homo! Das ist der Mensch! singer 84874 1920
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Und jetzt kommt Weihnachten. Und wir lesen aus der Bibel. Und was steht da ganz am Anfang des Johannesevangeliums? Ein Lied! Na da schau her!
Ich musste erst grinsen und dann lachen und (ja) auch ein bisschen triumphieren. Es erinnerte mich an die Szene vom Palmsonntag. Da weisen die Pharisäer die Jünger an, zu schweigen. Sie sollen Jesus nicht als Sohn Gottes verkünden. Und Jesus antwortet ihnen: «Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.» (Lk 19,40)
Gott kann man nicht den Mund verbieten. Gott ist nicht aufzuhalten. Niemand kann Gott stoppen. Und alle Welt muss das wissen: Dass Jesus Mensch wurde und dass Gott seitdem und endgültig der «Ich bin da» und der «Gott mit uns» ist.
Und wenn wir nicht davon singen dürfen – dann tun es halt die Engel und die Evangelisten. Dann tut es Gott selbst - im Wort der Heiligen Schrift.
Ich möchte nur zwei Passagen aus dem Hymnus, aus dem Lied, am Anfang des Johannesevangeliums mit euch anschauen und teilen:
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«Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne es wurde nichts, was geworden ist.»
Im Anfang war das Wort. Alles ist durch das Wort geworden. Wo aus dem Originaltext «logos» meistens mit «Wort» übersetzt wird, könnten wir es auch mit «Plan» übersetzen. «Am Anfang war der Plan. Und alles ist durch den Plan geworden.» Gott hat von allem Anfang an einen Plan mit dieser Welt und entsprechend auch mit uns. «Alles ist durch den Plan geworden, und ohne den Plan wurde nichts, was geworden ist.»
Wie gut tut mir das zu hören! Gott hat einen Plan mit dieser Welt. Gott hat einen Plan mit mir und all meinen Lieben. Wo ich mich gerade als völlig planlos und hilflos erlebe. Wo ich realisiere: «Mein Planen ist echt ziemlich vorläufig und relativ unverbindlich.» Da hat Gott den Plan. Gott kennt sich aus. Und ich kann mich (in all meiner Vorläufigkeit und Verletzlichkeit) diesem göttlichen Plan anvertrauen. «Am Anfang war der Plan. Und der Plan war bei Gott. Alles ist durch den Plan geworden, und ohne den Plan wurde nichts, was geworden ist.»
Das ist Weihnachten, nicht romantisch, derzeit: nicht wirklich schön. Aber irgendwie hat Gott trotzdem noch einen Plan. Das sollte reichen, meine ich.
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«Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt»
Gottes Plan ist Fleisch geworden. Ich liebe ja Fleisch. Fleisch ist in der Bibel aber das Bild für das Vergängliche. Fleisch ist nice-to-have aber verzichtbar. Fleisch ist auch Bild für das Schwache, das Gefährdete. Fleisch, damit kann ich mich als Fleisch-Liebhaber identifizieren: Fleisch ist ein grosser Teil meiner selbst.
Fleisch ist nicht schlecht. Fleisch ist aber einfach schwach und vergänglich. Fleisch bin ich. Und also bin ich nicht schlecht. Ich bin aber – oder besser: vieles ist an mir – schwach und vorläufig und vergänglich.
Wie gut tut mir das zu hören, dass Gott da hineinkommt. Dass er das nicht scheut. Dass Gott nicht sagt: «Igitt, Fleisch!» Dass er quasi wie ich wird. Dass er irgendwie in mir steckt und ich in ihm.
Und seitdem er das getan hat, bin ich im Kern nicht mehr hinfällig. Vieles an mir kann einmal abfallen – dann einmal – aber mein Kern ist und bleibt göttlich. Weil ER das so will.
Seit Weihnachten, seit heute, ist er ein Teil meines Lebens. Wir – ER und ich – können nicht mehr getrennt werden. Karl Rahner sagt es so: «Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt, ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, weil es Gottes endgültige Tat, weil es Gott selbst in der Welt ist. Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.»
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Von alldem erzählt uns das Lied des Johannesevangeliums. Das Weihnachtslied. Und dieses Lied kann nicht schweigen. Und es kann nie verstummen.
«Ich singe, weil ich ein Lied hab. Nicht weil es euch gefällt.» sang einmal ein Sänger (Konstantin Wecker).
Es ist das Lied, der Welt, das Lied der Schöpfung. Es ist Gottes Lied. Dieses Lied muss und wird immer gesungen werden. Und es wird nie verstummen. Heute nicht und bis in alle Ewigkeit nicht. Gesegnete Weihnachten euch und euren Liebsten! Amen!

(Christian Kelter, Hünenberg, 25.12.2020)