Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter als Podcast zur Verfügung.
 
 
 

«Bleib beweglich!»
Warum Jesus noch besser als eine Fitness-App ist.
Evangelium: Mk 1, 29

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Heute muss ich dir was gestehen: Seit ein paar Wochen benutze ich eine Fitness-App. Ja, ich! Auf was dieses Corona Krise mich alles bringt! Ich staune selbst!

Jedenfalls diese App: Da geht es nicht einfach um Sport. Das ist eine Art Lebenskonzept. Ich könnte mit dem Ding meinen ganzen Tag strukturieren.
Morgens: 20 min Beinarbeit, dann mit Alphawellen-Musik mein Gehirn stimulieren. Danach ein Glas Wasser trinken. Die App sagt mir wirklich, wann ich trinken soll!
So geht es den Tag über weiter: Fatburn Flow, Trommelmusik, Core Power, immer mal wieder ein Glas Wasser. Und am Abend würde die App mich sogar noch daran erinnern, dass ich mindestens 8 Stunden schlafen soll.
Wohlgemerkt «würde», denn ich habe den ganzen Klimbim deaktiviert. yoga 2959226 1920

Solche Programme kenne ich eigentlich. Aber nicht aus der Fitnessbranche, sondern aus der Spiritualität: Ora et labora: Bringe deine Arbeit, deinen Alltag ins Gebet. Und lass deine Arbeit andersherum zum Gebet, zum heiligen Dienst, werden. Oder: Aktion und Kontemplation. Lebe im guten Wechsel, in heilsamer Spannung zwischen Trubel und Ruhe.
Als Spiritualität schätze ich das. Und auch sonst merke ich: gerade jetzt in der Krise tut es gut, eine feste Tagestruktur zu haben.
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Im Evangelium von heute finden wir das in ähnlicher Form: Wir erleben Jesus privat im Haus von Simon und Andreas. Und wir treffen ihn im öffentlichen Raum draussen, wo die «ganze Stadt versammelt» ist. Wir hören, dass Jesus unterwegs ist, dass er aber auch immer wieder anhält im Gottesdienst der Synagoge. Und explizit wird erzählt, dass Jesus sich regelmässig zurückzieht. Er sucht dann gezielt die Einsamkeit, er betet, er regeneriert.
Aktion und Kontemplation. Beten und Arbeiten. Wenn Leben gelingen soll, braucht es all das im guten Rhythmus. als hilfreiche Struktur.
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Das Thema dahinter ist Heil und Heilung. Wie kann ich gut leben? Wie bin ich bei mir selbst zuhause? Wie orientiere ich mich in einer Welt der Überangebote? Es ist nicht einfach, da dran zu bleiben. Nicht aufzugeben. Nicht müde zu werden.

Ratgeber, wie meine Fitness-App machen mir glauben, dass das ganz einfach wäre. Einfach gesagt: Trink du dein Wasser, mach deine Übungen, schlaf 8 Stunden und alles ist in Butter.
Nein, ist es nicht! So einfach ist das Leben nicht. Niemand kann sich selbst erlösen! Ist jedenfalls meine Meinung. Ist auch meine Erfahrung!
Da sitzen wir allzu schnell einem esoterischen Bären auf. Wir Menschen lieben diese Allmachtsphantasien, dass wir nur an den richtigen Stellen schrauben müssten, und schon hätten wir alles im Griff. Die Pandemie lehrt uns gerade etwas anders!

Manchmal macht mir das alles regelrecht Angst: Eine Zukunft, die App-gesteuert ist. In der du und ich App-gesteuert sind. Und wenn wir krank werden oder müde, die falsche Partnerwahl treffen oder uns ein Unglück ereilt, dann sind wir halt selbst Schuld. Dann haben wir uns halt nicht an die Vorgaben gehalten. Wir haben die Übungen nicht gemacht. Wir haben zu wenig geschlafen. Das Glas Wasser nicht getrunken. Tja, das kümmert dann keinen. Das zahlt dir dann niemand. Pech gehabt! Du hattest es in der Hand! Schöne neue Welt!
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Solch ein funktionales Weltbild steht im krassen Widerspruch zu dem, was ich von Jesus glaube. Und auch zu dem, was ich heute von Jesus lese: der spricht mit den Leuten, er berührt sie, er setzt sich für sie ein, er richtet auf.
Jesus, das ist Faszination für das Leben – auch für das Unverfügbare. Jesus, das sind Worte, die etwas auslösen, das sind Hände, die aufrichten. Jesus ist berührt von uns Menschen. Und das wiederrum ist berührend für uns.

Ich meine: So kann sich Heil ereignen! Nicht durch Algorithmen und Funktionen. Auch nicht durch fleissiges Üben. Heil ist immer Begegnung. Heil ist immer Geschenk – unverdient im Endeffekt und unverfügbar. Heil, darunter versteht Gott wohl auch noch ganz anders, als wir es uns denken.

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Also, ich möchte dir Fitness-Apps nicht pauschal madig machen. Meine animiert mich regelmässig zu Sport. Das tut mir sehr gut.

Das allein wäre mir aber zu wenig. Ich möchte dir vielmehr und vor allem Jesus empfehlen! Er animiert mich zu noch viel mehr:
Jesus animiert mich dazu, nach gutem Leben zu streben! Er animiert mich, immer und immer weiter zu suchen: Kontakte, zu Menschen auch jetzt.
Jesus animiert mich auch, mich selbst nicht zu verlieren, regelmässig in die Stille zu gehen und Ruhe zu suchen.
Jesus animiert mich, in der Arbeit mein Bestes zu geben aber auch zu meinen Grenzen zu stehen. Jesus animiert mich, gross zu denken und dennoch demütig zu bleiben.

Jesus sagt mir, glaubhafter und wirksamer als jede App: Hey du, ich glaub an dich. Glaub du auch dich. Und glaube mich. Wenn du das tust, dann bleibst du beweglich!

Hünenberg, 7.2.2021, Christian Kelter