Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter als Podcast zur Verfügung.
 
 
 

«Engel und wilde Tiere.»
Eine Vision, nicht nur für die Fastenzeit.
Evangelium: Mk 1,12 - 15

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«Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen» hat der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt mal gesagt. Später erklärte er, das sei «eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.» gewesen. Ein Journalist hatte ihn nach seinen Visionen gefragt. Da wusste Schmidt nichts drauf zu sagen. Ob es insgesamt in der Politik so wenig Visionäres gibt? Ich weiss es nicht.

Das Evangelium vom 1. Fastensonntag präsentiert im Gegensatz dazu eine ganz starke Vision. Von der bin ich total fasziniert! Und es lohnt sich, da heute ein bisschen genauer draufzuschauen:

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Gleich nach seiner Taufe wird Jesus «vom Geist» für vierzig Tage in die Wüste geführt. Das muss hart gewesen sein. Aber die Erzählung ist super kurz. Markus, der Evangelist, erzählt das quasi nur am Rande. Jesus scheint die Herausforderung gut überstanden zu haben. Details interessieren offenbar nicht.

Was mich aber aufhorchen lässt ist ein Satz: «Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.» Was ist denn das? Das geht doch eigentlich gar nicht. Bei wilden Tieren leben, das ist eine heikle Sache. Ich kenne das von meinen Besuchen bei den Massai in Ostafrika. Die erzählen schlimme Geschichten. An Wasserstellen lauern Raubtiere und nachts zertrampeln Elefanten die Lehmhütten. Das geht nicht selten tödlich aus. Mensch und Natur sind allenfalls Partner. Freunde sind sie nicht. Dass man im völligen Einklang mit der Natur lebt, ist herrlich romantisch aber auch einigermassen illusorisch.

Und das kennen wir ja auch. Dafür muss man kein Massai sein. Die Welt ist kein Paradies. Es gibt genauso viel Bedrohliches, ja Gefährliches, wie Schönes. Nein, die Welt ist nicht das Paradies.
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Und doch der Erzähler unseres Evangeliums, Markus, zielt genau darauf hin. Seine Botschaft: Schaut her, hier ist Jesus. Und dieser Jesus lebt mit wilden Tieren und Engeln. Das erinnert stark an Adam und Eva im Paradies. Und es nimmt zugleich die Vision des Propheten Jesaja auf. Der hat in einer gravierenden Krise seines Volkes prophezeit:
«aus einem Baumstumpf (…) wächst nun doch ein Reis hervor, / ein junger Trieb bringt Frucht. Der Geist des HERRN ruht auf ihm (…) Dann findet der Wolf Schutz beim Lamm, / der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Junge leitet sie. Kuh und Bärin nähren sich zusammen, / ihre Jungen liegen beieinander. / Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter / und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus. Man tut nichts Böses / und begeht kein Verbrechen / auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN.» (Jes 11, 1f. 6-9)
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Das ist neu! Und dieses Neue ist Jesus! Er, Jesus, ist der neue Mensch. Mit Jesus drückt Gott den Reset-Knopf und alles beginnt noch einmal neu. Jesus versöhnt die ganze Schöpfung, die ganze Welt. Himmel und Erde kommen zusammen. Das bedeuten ja die Engel: Die stehen für den Himmel. Sie repräsentieren Gott. Sie sind Boten Gottes. Und die Botschaft heisst: Mit Jesus beginnt eine neue Schöpfung. Mit und durch Jesus geschieht Versöhnung. Alles wird mit Allem und Jedem versöhnt. Das Unmögliche wird Realität. Wilde Tiere und Engel. Eine neue Erde und ein neuer Himmel. Mit Jesus beginnt das Paradies.
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Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft. Das ist kein Programm, was es umzusetzen gilt. Es ist kein man-nehme-Rezept. Nein, so nicht. Kein Programm und keine Theorie werden uns jemals das Paradies schenken. Keine Wissenschaft, kein Wirtschaftsprogramm, keine politische Einstellung, auch keine Religion werden die Erde und werden dein und mein Leben in ein Paradies verwandeln! Das vermag nur einer!

Und der ist eine Person, ein Du, ein Gegenüber: Jesus von Nazareth.
Auf ihn gilt es zu setzen, auf ihn zu bauen, an ihn zu glauben und auf ihn zu hoffen. Ihn gilt es zu lieben.
Weil auf ihn alles zuläuft. Die ganze Welt, alle Zeit und Geschichte finden bei ihm ihr Ziel. Wir wissen ja nicht, wie unsere persönliche Geschichte und das Schicksal der Welt im Detail verlaufen. Niemand kann das sagen. Aber wir kennen das Ziel.
Das Ziel der Geschichte, das Ziel der Welt ist Jesus Christus und seine alles umspannende und alles versöhnende Liebe.

Das ist eine starke Vision. Eine überwältigende Zusage. Und an die will ich glauben. Und täte ich das nicht, dann wäre alles nichts. Kein Glück der Erde könnte mich trösten, hätte ich nicht die Vision, dass Jesus dein und mein Leben ins Paradies führt.

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Und so lange? Und bis dahin? Was machen wir da? Für einmal müssen wir nichts machen. Wir dürfen uns das einfach mal zusagen lassen. Es einfach mal glauben.

Es glauben heisst für mich, aus dieser Perspektive heraus zu leben. Aus dieser Vision. Mit dieser Motivation zu leben. Und das verändert ja schon etwas. Das verändert viel, nein alles:
Diese Vision motiviert mich, doch schon mal anzufangen, mit der Versöhnung, mit der Liebe. Zu leben mit Glauben und mit viel Hoffnung. Und mich dadurch zu verändern, mich weiter zu entwickeln, zu reifen, ein neuer Mensch zu werden.

Ich werde nie abschliessend der Mensch werden können, den Gott sich gedacht hat, als er mich schuf. Das gelingt mir nicht. In diesem Dasein werde ich nicht perfekt und nie ganz ich selber sein können. Das wird erst Jesus an mir vollbringen am Ende meiner Zeit. Aber ich kann dem ein bisschen entgegen gehen. Ich kann mich dahingehend ein bisschen ausstrecken. Ich kann hier und da mal zum Engel werden. Und werde doch trotzdem auch ein wildes Tier bleiben.

Hünenberg, 21.2.2021, Christian Kelter