Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter als Podcast zur Verfügung.
 
 
 

«Es reicht!»
Evangelium: Joh 6, 1-15

Wir haben von der Brotvermehrung gehört. Von der Speisung der Fünftausend. Aber was ist das eigentliche Wunder? Dass plötzlich genug da ist? Dass alle satt werden? Dass sogar noch ganz viel übrigbleibt? Das eigentliche Wunder (für mich) ist etwas anderes: Dass alle voll und ganz auf Gott vertrauen! Das ist für mich das eigentliche Wunder!

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kreuz

Dass ist ja gar nicht so leicht. In der Regel vertrauen wir zuerst einmal auf uns. Wir vertrauen auf unser Wissen, auf unseren Verstand. Wir vertrauen auf unser Können, auf die Mittel, die uns zu Verfügung stehen. So lernen wir es: «Hilf dir selbst!», «Du bist deines Glückes Schmied!», «Just do it!»
Allerdings, und da muss ich gar nicht erst eine Flutkatastrophe als Beispiel bemühen, ihr kennt das alle selbst: Ganz oft haben wir eben gleichwohl das untrügliche Gefühl, es könnte eben doch nicht reichen. In der Schule, im Beruf, bei der Erziehung der Kinder, bei der Altersvorsorge… Reicht es da wirklich? Bringen wir genügend? Genügen wir? Schaffen wir das alles tatsächlich?
Ich kann euch sagen: Ich habe letzte Woche am Krankenbett meines evakuierten, krebskranken Bruders, ich habe in den Schlamm-überfluteten und zerstörten Häuser meiner Familie ganz klar gewusst: «Es reicht nicht! Ich kann das nicht! Ich genüge nicht!» Da bricht viel zusammen. Da bricht man in sich zusammen.
Und ich kann nur sagen: Ohne Gott wäre ich verloren. Und falls es Gott nicht gäbe, hätten wir alle lange und immer schon verloren! Aber es gibt Gott! Also, was tun?
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In meiner Auszeit, im Frühling in Greifswald, habe ich mich mit der Theologie von Dietrich Bonhoeffer beschäftigt. Der sagt es ganz klar und deutlich, was glauben an Gott sein soll und wie das konkret gehen muss: Glauben heisst, es geht nicht nach meinem Verstand, es geht nicht nach meinem Willen. Ich muss mich allein auf Gott verlassen. Wir sollen wie Blinde sein, die sich von Gott führen lassen.
«Nicht das Werk, dass du erwähltest, nicht das Leiden, das du erdenkest, sondern dass dir wider dein Erwählen, Denken, Begierden zukommt, da folge Gott, da lass dich von ihm rufen, da sei du sein Schüler. Da ist es Zeit, dass du Gott als deinen Meister anerkennst.»
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Das finde ich heftig. Das kannst du lesen und staunen. Was das heisst, das weisst du aber erst, wenn du es in Extremis erlebst. So meint Bonhoeffer das also, wenn er uns im Lied aufruft, uns «Von guten Mächten» wunderbar tragen zu lassen.
Das ist nicht einfach, sich tragen zu lassen, auf «gute Mächte» zu vertrauen! Das wollen wir erst mal nicht, das lernen wir auch nicht - in keiner Schule und in keinem Seminar. Wir wollen selbst tun, und selbst lenken und bestimmen.
Das geht aber nicht. Das funktioniert nur sehr begrenzt. Ein paar Kleinigkeiten können wir regeln, alltägliches, das geht. Das Grosse und Ganze, Glück, Gesundheit, Beziehung und Liebe – auch der Glaube – das alles bleibt unverfügbar – ein Geschenk, eine Gnade.
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Ich verstehe vieles nicht - nicht auf Erden und erst recht nicht im Himmel. Aber ich bin sicher, Gott schickt keine Katastrophen, er schickt keine Krankheiten. Gott belohnt und straft auch nicht. Gott passt nicht in ein so einfaches Schema.
Aber Gott ruft und er lädt ein, ihm zu vertrauen – vorbehaltlos. So wie die Menschen im Evangelium alles geben, was sie haben (5 Brote und zwei Fische). Sie wissen: Alles, was wir haben, wird nicht reichen. Es wird nicht genügen.
Und – oh Wunder – sie legen das in Gottes Hand. Was für ein Wunder, dass sie nicht selbst weiter wursteln, dass sie sich stattdessen führen lassen wie eine Blinde und ein Blinder. Das ist für mich das eigentliche Wunder.
Das wünsche ich für mich auch! Dass erbitte ich. Dass will ich auch können. Meine Situation, mein Schicksal, meine Lieben, meine Heimat, mein Können, meinen Glauben in Gottes, in seine Hand, zu legen und zu sagen: «Mach du! Führe du mich in dieser Situation! Führe mich, wie ein Blinder, Schritt für Schritt weiter. Du führst. Ich folge!»
Das ist nicht einfach. Das kann niemand von uns einfach so. Das ist ein Prozess, ein inneres Wachstum, das erst nach und nach wird. Ich möchte aber versuchen, den Rest meines Lebens in diesem Sinne zu wachsen.
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In dieser Woche habe ich erlebt, dass das geht: In der grössten Verzweiflung, als nur noch Weinen ging, da kamen plötzlich Helferinnen und Helfer. Unbekannte, von irgendwo her. Sie standen plötzlich da und sie halfen. Und sie zeigten mir mit ihrem Tun eine Perspektive auf. Sie waren Licht in meiner Dunkelheit. Und dieses Licht brennt seitdem in mir. Sie waren meine – unsere – Retter!
Gott hat uns Engel geschickt. Warum nicht dieses Bild bemühen, um zu erklären, was da passiert ist? Engel, Boten von Gott. Unverfügbar, geschickt, um zu zeigen, dass er sorgt auf seine Art.
Wenn ich – wenn du – wenn wir – nicht können. Wenn wir ehrlich zugeben, dass es für uns nicht – niemals - reichen wird, dann bekommt Gott den Spielraum, auf dass er Handeln kann - an uns und für uns.
Dann machen wir die gleiche Erfahrung wie die Fünftausend im Evangelium. Dann zeigt Gott uns: «Doch, es reicht! Nicht auf deine Art, nicht so wie du denkst, sondern so, wie ich, dein Gott, denke.» Besser und grossartiger als wir uns vorstellen können, auf Heil und auf Zukunft ausgerichtet. Und wir können nur staunen und beten und gestehen: «Es reicht für uns alle, mein Herr und mein Gott!»

Christian Kelter, Hünenberg, 25.07.2021