Predigtnachlese
 
 
Und hier stellen wir gerne die Predigt von Gemeindeleiter Christian Kelter als Podcast zur Verfügung.
 
 
 

«Wir müssen reden!»
Evangelium: Joh 6, 24-35
Zum 1. August

Im Evangelium wird heute miteinander diskutiert. Teilnehmende sind die Mitglieder der Gemeinde von Kafarnaum einerseits und Jesus andererseits. Der Ort ist sinnbildlich die Synagoge. Weil das Wort Synagoge «Versammlung», heisst, «Zusammenkunft».
Wir lernen: Glaube geht immer nur gemeinsam. Glaube ist Gemeinschaft, ist Zusammenhalt, ist Austausch, ist gemeinsames Fragen und Suchen.
So eben auch heute im Evangelium! Es wird gefragt und geantwortet. Viele bringen sich ein. Es wird nachgedacht, es wird geredet – da und dort auch ein bisschen an einander vorbei. Aber immerhin, es ist Raum vorhanden, damit Menschen von ihrer Sehnsucht erzählen können.
Die Leute suchen Jesus. Sie versuchen Gott zu verstehen. Man gibt sich nicht zufrieden mit Meinungen, man will wissen, man sucht miteinander und zwar nach dem, was Jesus tatsächlich meint, was ihm unbedingt wichtig ist. Und auch wenn man sich nicht perfekt versteht, auch wenn sicher viele Fragen bleiben, die Menschen in der Synagoge von Kafarnaum begeben sich auf einen Glaubensweg.
Da ist plötzlich Hoffnung auf inneres Wachstum. Da gibt es bestimmt neue Einsichten. Da entstehen vielleicht sogar ganz neue Perspektiven. Da ist Lust auf Mehr. Da bringen alle ein was sie haben: ihre Fragen, ihre Zweifel aber eben auch ihre Hoffnung und ihren Glaubensmut.bild von michael herbst

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Dass wünsche ich mir auch für die Kirche von heute. Dass wir uns als Gemeinschaft von Fragenden verstehen, als Gemeinschaft, die unterwegs ist - mit Jesus und hin zu Jesus.
Da kann es dann nicht sein, dass die Amtskirche ein Deutungsmonopol für sich in Anspruch nimmt. Dass uns Bischöfe, Kirchenleute, dass uns ein Katechismus immer schon sagen möchte, wie es geht mit dem Glauben. Dass Glaube dann zur blossen Lehre degradiert wird, dass er zu plumper Moral verkommt.
Ich meine: Glaube ist weder Lehre, noch Moral. Glaube ist ein Weg. Glaube ist ein Suchprozess: oft überraschend, nicht selten verwirrend aber immer dynamisch, spannend und somit quicklebendig.
Wer in die Bibel schaut, wer speziell die Evangelien betrachtet, der merkt: Da gibt es keine fertigen Antworten. Und wer versucht, sie zu formulieren, der zieht sich den Unmut von Jesus zu. Rechthaber und Besserwisser kann Jesus so gar nicht leiden. Da wird er ziemlich unfreundlich. «Heuchler», schimpft der die Schriftgelehrten (Mt 23,14) und «Schlangenbrut» die Pharisäer (Mt 3,7). Weil man mit dem Gesetzbuch in der Hand nicht glauben kann.
Die Bibel ist kein GPS, was einem untrüglich sagt, wo es lang geht. Sie gibt nicht den einen und einzigen Weg an.
Die Bibel ist eher ein Kompass. Sie schlägt die Richtung vor, feit aber nicht vor Irrwegen und Umwegen. Vielmehr wird deutlich, dass auch verschiedene Wege sehr wohl zum Ziel führen können. Dass jedenfalls lese ich aus der Bibel.
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Nein, ich wünsche mir für meine Kirche, dass wir alle uns als Fragende verstehen. Als Menschen, die miteinander nach einem gangbaren Weg suchen.
Ich wünsche mir eine Kirche, die nicht in Bücher schaut, nicht in Gesetze und Dogmatiken, eine Kirche, die nicht ihre Traditionen verteidigt und ihre Pfründe sichert. Ich wünsche mir eine Kirche, die (wie die Menschen heute im Evangelium) auf Jesus schaut. Dass tut sie nämlich zu wenig - ist jedenfalls meine Meinung.
Gerne zitiere ich an dieser Stelle noch einmal Dietrich Bonhoeffer. Der schreibt: «Es stellt sich in Zeiten der kirchlichen Erneuerung von selbst ein, dass uns die Heilige Schrift wichtiger wird. Hinter den notwendigen Tages- und Kampfparolen der kirchlichen Auseinandersetzung regt sich ein stärkeres Suchen und Fragen nach dem, um den es allein geht, nach Jesus selbst. Was hat Jesus uns sagen wollen? Was will er heute von uns? Wie hilft er uns dazu, heute treue Christen zu sein? Nicht was dieser oder jener Mann der Kirche will, ist uns zuletzt wichtig, sondern was Jesus will, wollen wir wissen. Sein eigenes Wort wollen wir hören.»
Es ist eine neue Haltung, die ich mir von meiner Kirche wünsche: Hinhören auf die Sehnsüchte der Menschen, wie Jesus es im Evangelium heute vormacht. Vorschnelle Antworten, fix und fertige Meinungen in jedem Fall vermeiden, stattdessen zuhören, sich an die Seite der Menschen stellen, mit ihnen fragen und mit ihnen suchen. Eine solche Kirche hat ganz gewiss eine Zukunft, weil sie wertvoll ist, unverzichtbar.
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Vielleicht wäre das ja dann auch ein wertvoller Beitrag von Christinnen und Christen für unser Land: Dass man uns wahrnehmen würde, als Gemeinschaft des Dialogs. Dass Kirchen zu Orten würden, die Menschen zusammenbringen und verbinden. Dass wir eine Kultur einüben könnten, die nicht das Rechthaben feiert, die stattdessen aber motiviert ist, den gangbarsten Weg suchen und die tragfähigste Lösung zu finden für die ein, die grösste Aufgabe unserer Zeit:
Den Schutz und den Erhalt unseres Planeten und damit unserer Zukunft. Das geht uns ja alle an. Das ist unübersehbar. Die gewaltigen Migrationsströme, die plötzliche Gefahr von Pandemien, die kaum je dagewesenen Unwetterkatastrophen, sie hängen doch wohl alle mit diesem einen, einzigen Thema zusammen.
Es ist kurz vor Zwölf auf der Erde! Es ist damit auch kurz vor zwölf in unserem Land. Und es ist eben auch kurz vor zwölf in unserer Kirche. Ich meine: «Wir müssen reden!»

Christian Kelter, Hünenberg, 01.08.2021

 

(Ein Bild von Michael Herbst)