Predigtnachlese

Es gibt viele Versuche, dem Schrecken dieser Geschichte auszuweichen – in vielen Kinderbibeln wird die Geschichte gar nicht mehr erzählt, weil sie scheinbar unzumutbar ist. Und nicht wenige Erwachsene verbannen sie in einen fremden, einen grausamen Teil des Alten Testaments, der ja durch das scheinbar friedliche Neue Testament überholt zu sein scheint.
Aber sowohl im AT – als auch im NT finden wir Worte und Geschichten, die hart sind, gewaltvoll. Auch Jesus stellt allzu oft unser Tun und Denken auf die Probe – und seine Warnungen sind oft alles andere als Heile Welt. Wir können nicht die Geschichten, die uns in nicht in den Kram passen weglassen. Das wäre zu einfach – und im Fall der heutigen Lesung auch sehr schade.

Aber zurück zur Abrahamsgeschichte. Sie stellt uns vor etliche Fragen – warum prüft Gott Abraham auf diese Weise? Vor allem nach all dem was Abraham zuvor mit Gott erlebt hat. Warum fordert er den Tod des Sohnes? Und Abraham – wieso dieser blinde Gehorsam, wieso widerspricht er nicht, wieso handelt er nicht mit ihm, wie er es an anderer Stelle getan hat?
Mit all den Fragen, die sie aufwirft – endet die Geschichte schlussendlich gut. Gott verhindert das Opfer Isaaks. Doch die Realität derer die in Gottes Namen Menschen opfern, zieht sich durch die Menschheitsgeschichte – bis heute als grausame Realität – und das ohne absehbares happy end.
Diese Erzählung der Opferung Isaaks wird nicht nur von uns gelesen, auch das Judentum und der Islam haben diese Geschichte in ihren heiligen Schriften.
Für das Judentum hat diese Erzählung eine ganz wichtige, essentielle Bedeutung. Den Titel, den die Juden dieser Geschichte gegeben haben ist „die Bindung Issaks“. Für sie ist dieser Abschnitt der Thora Deutung all des Leides, was ihnen durch die Jahrhunderte zugefügt wurde – bis hin zum Holocaust – bis hin zu all dem was ihnen heute angetan wird. Isaak ist das Bild für all die unschuldig Leidenden, die wegen ihres Glaubens starben und sterben. Holocaust heisst übersetzt – Ganzopfer.

So geht die Geschichte auch in ihre Liturgie ein. Gott spricht zu Abraham – „Abraham, Abraham! Leg deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts.“ Und so brachte Abraham den Widder als Opfer, der sich im Gebüsch verfangen hat.“ Um sich an diese Geschichte zu erinnern, daran, dass Gott aus den Fesseln befreit, wird an jedem Neujahrstag in Schofar – das Widderhorn geblasen. Und so tönt es laut: Gott will keine Opfer – Gott will das Leid nicht, dass den unschuldigen angetan wird - Gott will das Leben.

Wieso dann aber diese Geschichte? Wieso prüfte Gott Abraham auf diese Weise? Eine Antwort versucht eine Begegnung, die ein jüdischer Philosoph erzählt : "Einst wurde ich in Jerusalem von einem jungen Mann besucht, dessen Frömmigkeit ich keinen Grund hatte zu bezweifeln: Er trug die schwarze Kleidung der Ultra-Orthodoxen. "Haben Sie je darüber nachgedacht," fragte er mich, "warum Gott selbst zu Abraham spricht, wenn Er ihm den Befehl gibt, Isaak zu opfern, aber einen Engel sendet, um die Erlassung mitzuteilen?" Ich gab zu, darüber nicht nachgedacht zu haben. "Gott
hat sich über Abraham geärgert," fuhr er fort. "Abraham hat die Prüfung nicht bestanden. Er ist durchgefallen. Als Gott Abraham befahl, Isaak zu opfern, wollte Er Abrahams Weigerung. Er wollte nicht 'Ja' sondern 'Nein'."

Eine interessante Deutung, oder? Gott will keinen blinden Gehorsam, Gott will, dass wir unsere Verantwortung und unsere Freiheit wahrnehmen, die er uns geschenkt hat. Gott distanziert sich von Abraham, der bereit war in seinem Namen zu töten - er distanziert sich von solchen Taten. Gott selbst macht mit dieser Geschichte einen Schlussstrich unter die Tötung von Menschen – um ihn zu gefallen. Es ist nicht sein Wille, dass Menschen für ihn oder in seinem Namen getötet werden. Und dieses Nein gilt allen, die diese Geschichte in ihren heiligen Schriften haben, allen die zu Abraham Vater sagen – wir Christen, die Juden und die Muslime. In Gottes Namen – also Gott, Allah, Jahwe – soll nicht getötet werden.

Gott will das Opfer Isaaks, und den Tod derer die täglich in Gottes Namen geschlachtet werden nicht – aber die Täter sind taub. Sie hören seine Stimme, sein Nein nicht. Der Tod hat viele Gesichter und es sind nicht nur die Krieger des IS, es sind die abertausend Morde die täglich geschehen, weil wir Menschen verhungern lassen, weil der Egoismus grösser ist als das Mitleid und die Solidarität.
So unangenehm uns diese Geschichte vom Opfer Issaks ist, so wichtig ist sie um uns immer wieder daran zu erinnern – das Happy End steht noch aus.
Das Evangelium der Verklärung heute will uns stärken, denn es nimmt die Herrlichkeit, die uns einmal erwartet in den Blick. Die Verklärung, die Gegenwart Gottes – sichtbar, spürbar – für immer. Der Himmel ist geöffnet und die Jünger hörten die Stimme Gottes – dass mein geliebter Sohn, tut, was er sagt.
Worte Jesu haben wir genug. Liebt einander, betet für eure Feinde, seid barmherzig, wie auch ich es bin, nehmt die Fremde auf, bekleidet die Nackten, kümmert euch um die Armen. Dann wird das Reich Gottes grösser, dann berührt der Himmel die Erde.

Mit diesem Himmel als Aufgabe als Ziel und als Motivation können und müssen wir die Welt gestalten – als Christen haben wir keine Alternative! Wenn wir Christus nachfolgen – müssen wir tun was er sagt.
Das Happy End steht noch aus, die Realität der Gegenwart gilt es zu ertragen und zu verändern. Gottes Verheissung steht – er will nicht den Tod – er will das Leben. Amen.

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