Predigtnachlese

Und viele verstummen wegen alledem. Sie finden keine Worte, keine Gedanken und schon gar keine Erklärungen. Es geht ihnen wie Wilhelm Hausner, dem „gottlosen Pfarrer“. Leben bricht ab, Leere breitet sich aus, eine dumpfe Stille kehrt ein oder ein inneres Schreien. Der Glaube ist weg. Der Glaube an das Gute, der Glaube an das Leben, der Glaube an Gott.
Es gibt ein Übermass an Leid, dass uns verstummen lässt. Wie will ich denn auch rechtfertigen, dass alle fünf Sekunden ein Kind verhungert? Was soll ich der Ehefrau, des Mannes denn erklären, der nach einem Unfall nicht mehr aus dem Koma erwacht? Was kann ich noch sagen, angesichts von öffentlichen Hinrichtungen und zig tausendfachem Massenmord im Irak, in Syrien, Afghanistan, Palästina und anderswo?
Das Schicksal Jesu ist ganz ähnlich und doch auch ganz anders. Auch Jesus schweigt. Aber er geht den Kreuzweg mit. Er läuft nicht weg. Er sorgt nicht für sich. Er rechtfertigt sich nicht mit Ausreden oder halbherzigen Erklärungen, er geht hinein in sein Leiden.
Hinein – auch in das Leiden der anderen, in das Leid derer, die stumm geworden sind und blind, taub und gelähmt. Und er geht auch in das Leiden der anderen, der Täter, die in Wirklichkeit Opfer ihrer inneren Leere sind, ihrer Orientierungslosigkeit und Heimatlosigkeit. Er geht auch hinein das Leid der seelisch Deformierten, die nichts anderes mehr können als ihren kreuzigenden Hass gegen sich oder andere umzusetzen. Jesus geht da hinein. Er setzt sich aus. Er hängt sich hinein in den Mechanismus des Todes, der Gewalt und des Hasses.
„Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22) Wer so fragt, klagt und flucht und leidet grosse Not. Er verliert den Glauben. Aber er hält fest an Gott. Jesus durchkreuzt das Leiden indem er es auf sich nimmt und es zu tragen versucht – mit

Gottes Hilfe, an dem er zwar zweifelt, den er aber auch im Zweifel noch als den Ich- bin-da anruft.
In Ulrichs Harbeckes Buch halten die Leute fest – wider die Erwartung der Kirchenleitung – an ihrem „gottlosen“ Pfarrer. Braucht er nicht gerade jetzt Hilfe und Unterstützung?! Muss man ihn nicht jetzt mittragen, wo er doch vorher so viele von ihnen getragen hat?!
Was geschieht, wenn wir anfangen uns auch öffentlich als Getaufte zeigen, als Menschen, die aufstehen gegen Leid und Ungerechtigkeit? Wenn wir in unserem Umfeld, in der Familie, am Arbeitsplatz, im Verein, im Dorf etc. versuchen, so zu leben wie Jesus es getan hat? Wenn wir uns einsetzten für die, die keine Unterstützung haben? Wenn wir denen unsere Stimme leihen, die stumm geworden sind oder noch nie etwas zu sagen hatten? Wenn wir für die beten, die längst nicht mehr beten können oder es noch nie gelernt haben?
Was geschieht, wenn wir Hungrige speisen, wenn wir Heimatlose aufnehmen, Kranke besuchen, Trauernde trösten? Wenn wir das wirklich einmal mit allerletzter Konsequenz tun? Was geschieht dann?
Wir werden das Leiden nicht aus der Welt schaffen. Aber wir werden viel Leid lindern können. Und wir werden das Leid verwandeln. Wir werden miteinander lernen aus dem Wesentlichen zu leben.
Wir können die gekreuzigte Liebe Jesu in unser eigenes Leben und in die Welt hineinlassen. Wir können das! Indem wir ihn immer wieder anschauen und ihn nachahmen. Das ist die Botschaft des Karfreitags: In Jesus Christus hat sich Gottes Liebe festnageln lassen. Und diese Liebe behält das letzte Wort.

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