Predigtnachlese

Bilder sprechen. Aber ihre blosse Abbildung in den Medien dient längst nicht immer der Wahrheitsfindung. Es braucht halt immer auch das Vertrauen des Betrachters, dass das, was er sieht auch wirklich Realität ist. So war es für die ersten Christen mit dem leeren Grab. Obwohl niemand je gesehen hatte, wie genau Jesus von den Toten auferstand, war er doch so präsent in der Jüngergemeinde, dass diese ohne zu zögern seine Botschaft so lebte, dass sie in kurzer Seite von einer Sekte zur staatstragenden Religion wurde. Und das nicht, weil sie so mächtig, reich und einflussreich gewesen wären, sondern weil ihr Leben und Miteinander als so ausserordentlich friedfertig, integrierend und sozial wahrgenommen wurde.

Was ist aus diesem Bild vom leeren Grab geworden? Es erinnert heute an ein altes, verblichenes Polaroid. Nach einer Umfrage der CoopZeitung wissen 12% der Schweizerinnen und Schweizer gar nicht mehr, was wir an Ostern feiern. Jeweils 2% tippen auf die Geburt Jesu oder die Unbefleckte Empfängnis Mariens, 5% vermuten sogar die Himmelfahrt Jesu. Immerhin wissen noch 72% dass wir Christen an Ostern die Auferstehung Jesu Christi feiern.
Auch verkommt Ostern nun zusehends zum Kommerzanlass. Mit dem abnehmenden Wissen um den Inhalt steigt die Infantilisierung des Festes stetig an. Eier, Hühner und Hasen wohin man sieht. Der Osterhase, ob im EVZ-Look oder mit Skateboard, durchbricht nun endgültig die Schmerzgrenze des Kitschs. Damit scheint auch hier die These belegt: Wer nicht mehr an Gott glaubt, glaubt nicht etwa an nichts, sondern an alles Mögliche. Und das ist nicht lustig. Denn Menschen, die alles glauben, sind verführbar und manipulierbar.
Ich habe grösste Bedenken, wenn ich mit ansehe, wie das Christliche nach und nach aus der Öffentlichkeit verdrängt wird. Wem unsere Demokratie am Herzen liegt, sollte z.B. grösstes Interesse daran haben, dass der christliche Religionsunterricht nicht still und heimlich aus der Schule verbannt wird. Da sind wir gerade nämlich auf dem besten Wege hin. Auch in Hünenberg!

Der Zürcher Psychoanalytiker Arno Grün warnt uns vehement davor, dass wir Menschen ohne Orientierung, ohne Werthaltungen und ohne feste Bindungen hervorbringen. Identitätslose Menschen, so Grün, suchen leicht durch Machtgehabe und Gewalt eine Identität zu finden. Menschliches Leid und Schmerz sind für sie nur ein Ausdruck von Schwäche, den es zu bekämpfen gilt.(Arno Grün, Wider den Terrorismus, Stuttgart 2015.)
Erstaunt schauen wir derzeit nach Winterthur, wo sich Schweizerinnen und Schweizer aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft aufmachen, den IS zu unterstützen. „Wie kann das sein?“ Wir können aber auch nach Frankreich schauen und sehen, was ein sogenannter laizistischer Staat für neue Probleme gebiert. Wer nichts glaubt, glaubt jedem, der ihm ein geistiges Obdach verheisst. Es gibt keine neutrale Erziehung! Wo die alten Werte ausziehen, ziehen klammheimlich andere ein!

An alledem tragen wir Christen aber die Hauptverantwortung. Wir sind müde geworden, lau und geistlos. Das eigentliche Christsein, die Auferstehungshoffnung und die Begeisterung ob des leeren Grabes, werden öffentlich einfach nicht mehr wahrgenommen. Wenn wir wahrgenommen werden, dann nur noch durch innerkirchliche Strukturdebatten oder durch binnenkirchliches Laientheater alla Bürglen. Das interessiert ausserhalb der Kirche kaum jemand wirklich und dient lediglich solange der öffentlichen Unterhaltung, bis sich ein neues Skandälchen findet.
Es braucht für uns die Rückbesinnung auf Ostern. Das ist die einzige Reform, die wirklich Veränderung bringt. Wie kann der Glaube an die Auferstehung heute verbindlich und verständlich bezeugt werden? Das Wort „Reform“ hat dabei ja zwei Teile: „Re-“ besagt, dass jede Erneuerung eine Rückbesinnung auf das Ursprüngliche ist. Und „-form“ bedeutet, dass es eine verbindliche Gestalt - Form eben - braucht. Die Form ist uns Christen von jeher vorgegeben in der Person und Lehre Jesu Christi. Reform bedeutet also die Wiedergewinnung des Ursprünglichen und Wesentlichen. Und das ist die befreiende Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi, die für alle Menschen bestimmt ist!

Das feiern wir heute, dass in Jesus Christus der erste Mensch ganz und für immer mit in das göttliche Leben hineingenommen ist. Und auch das: Dass nämlich jede und jeder einzelne von uns zu demselben Ziel bestimmt ist. Das ist keine Vertröstung auf morgen. Das ist ein Weg und der hat in unserer Taufe längst schon begonnen. Seitdem ist jede und jeder von uns dazu befähigt und berufen, die Liebe Gottes in diese Welt hineinlassen (oder auch nicht). Wir alle sind wie eine Pore, in dieser Welt. Wir können Gottes Liebe hineinlassen oder uns dafür verschliessen. Das ist unsere Freiheit. Es gibt Menschen, die meinen diese Welt und ihre Möglichkeiten seien das alleinige Ziel. Es gibt auch die, die meinen alles im Leben sei bloss Zufall und die Frage nach dem Sinn des Lebens ein bedauernswerter geistiger Schwächeanfall. Es gibt vor allem aber immer noch eine zu grosse Anzahl Menschen, die meinen, sie müssten in die sechzig, siebzig oder achtzig Jahre, die sie leben alles hineinpressen,  was nur eben geht. Sie sind die Vertreter der Erlebnisgesellschaft und der bedingungslosen Selbstverwirklichung. Wenn sie doch Freude ausstrahlen würden, könnte man ihnen glauben. Aber nichts ist so freudlos, wie die dauernde Angst, etwas zu verpassen. Und schliesslich gibt es die, die meinen, es gäbe gar nichts, keinen Sinn und also auch kein Ziel. Der Philosoph Robert Spaemann nennt sie schlicht „moderne Menschen“ und erzählt folgende Geschichte:

Ein moderner Mensch verirrt sich in der Wüste. Die unbarmherzige Sonnenglut hatte ihn ausgedörrt. Da sah er in der Ferne eine Oase. „Aha“, dachte er, „eine Fata Morgana. Eine Luftspiegelung, die mich narrt. Denn in Wirklichkeit ist da nichts.“ Er kam näher aber das Bild verschwand nicht. Er sah die Dattelpalmen und das Gras und hörte sogar die Quelle sprudeln. „Natürlich, eine Hungerfantasie, die mir mein halb wahnsinniges Gehirn vorgaukelt.“ dachte er. „Solche Fantasien hat man bekanntlich in meinem Zustand. Jetzt höre ich sogar das Wasser rauschen. Eine Gehörhalluzination. Die Natur kann so grausam sein.“ – Kurze Zeit darauf fanden ihn zwei Beduinen tot auf. „Kannst du das verstehen“ sagte der eine zum anderen. „Die Datteln wachsen ihm fast in den Mund und der liegt neben der Quelle verdurstet und verhungert. Wie ist das möglich?“ Da antwortete der andere: „Das war ein moderner Mensch.“ (Zitiert in Karl-Heinz Menke, Handelt Gott, wenn ich ihn bitte?, Regensburg 2000, S. 165.)


Das Bild vom leeren Grab ist kein Fake, es ist wahr und Millionen von Christinnen und Christen haben es mit viel Kraft und Zuversicht übersetzt ins eigene Leben und in ihre ganz konkrete Zeit. Jetzt ist es an uns! Gehen wir jetzt hinaus, leben und verkünden wir: Jesus Christus ist auferstanden! Er ist das Leben der ganzen Welt!

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