Predigtnachlese

Was als Fiktion im Roman zuerst schräg und skurril scheint, ist es vielleicht nicht einmal. Denn Spuren von geistlosem Säkularismus und von plattem Materialismus finden wir auch im Jahr 2015.

Pfingsten hat eine Vorgeschichte. Und die haben wir eben als erste Lesung gehört: Die Babylonische Sprachverwirrung. Die Menschen bauten einen Turm. Sie wollten nicht etwa dort sein, wo Gott ist. Sie wollten vielmehr sein wie Gott! Dieser Turm ist ein Symbol für die Selbstvergessenheit und den Hochmut, für Feindseligkeit und Entzweiung, für Uneinigkeit und Sich-nicht-mehr-verstehen.

Und Babylon ist immer noch! Auch unter uns Christen. Da gibt es viele, viel zu viele, die die Brücke zur Gemeinschaft einfach abbrechen. „Jesus ja, aber mit den anderen Getauften will ich nichts zu tun haben. Die brauche ich nicht.“ Es sind in vielen Fällen keine gegenseitigen Animositäten, die Einheit kaputt machen. Gleichgültigkeit zerstört viel nachhaltiger als Streit.

So ist es auch mit der Ökumene. Es glaube doch bitte keiner, es gebe nur deshalb keine Einheit unter den Christen weil einige wenige Gläubige sich streiten. Wo sachlich gestritten wird, da sind Interesse und Leidenschaft vorhanden. Wo aber Gleichgültigkeit herrscht, wo so viele einfach und ganz selbstverständlich nicht kommen.... Wie und wo soll da Einheit wachsen?

Babylon ist immer noch! Dann besonders, wenn wir sein wollen, wie Gott. Wenn wir mit Hilfe der Wissenschaft definieren wollen, welche Art von Leben lebenswert ist und welche nicht. Wenn wir die Möglichkeiten nutzen, dass menschliches Leben 

designt werden kann. Ich befürchte, wir bauen da einen Turm, der sicher gut aussehen wird und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Doch der Turm schafft dann plötzlich neue Probleme, babylonische Verwirrung. Und der Schaden für die Menschheit ist vielleicht langfristig grösser, als der Nutzen.

Babylon ist immer noch! Dann, wenn allen Ernstes mit dem Slogan: „Wohlstand sichern!“ Wahlkampf gemacht wird, während gleichzeitig vor den Küsten Europas tausende von Menschen krepieren.
Wir hatten noch nie so viel Wohlstand auf dieser Welt und gleichzeitig noch nie so viel Hunger, Krankheit und Tod. Unser individueller Freiraum wird immer grösser und gleichzeitig entstehen neue Formen psychischer und sozialer Knechtschaft. Die Menschheit sehnt sich nach Solidarität und Einheit und ist doch zerrissen zwischen wirtschaftlichen und politischen Machtinteressen. Und die sind so komplex miteinander verzahnt und verwirrt wie nie zuvor in der Weltgeschichte.

Von Albert Einstein ist der Satz überliefert: „Nicht die Bomben sind das Problem unserer Zeit, sondern die Herzen der Menschen.“

Babylon ist immer noch. Und Babylon ist die Vorgeschichte zu Pfingsten! Und Pfingsten ist die Umkehr! Wo Heiliger Geist geschenkt wird, da werden Brücken gebaut, statt Türme. Da verstehen sich Menschen plötzlich und wieder. Da entsteht Einheit. Der Heilige Geist ist das Gegenteil von Babylon. Nicht von ungefähr sprechen wir davon, den Heiligen Geist herab zu rufen. Hochgeistige Sachen sind oben, sind über dem Irdischen angesiedelt. Doch der Heilige Geist kommt auf die Menschen herab. Der Heilige Geist verbindet uns auf ewig mit Jesus von Nazareth. Mit dem Christus, der vom Himmel zu uns herab gekommen ist: um uns die Füsse zu waschen. Das ist Pfingsten.

Vor 40 Jahren haben die Hünenberginnen und Hünenberger hier eine Kirche gebaut und eine Pfarrei errichtet. Das war nicht von oben verordnet. Das war ein Wunsch von unten, von der Basis. Und an dieser Basis ist dafür geschafft worden. So viele bekommen noch heute leuchtende Augen, wenn sie von diesen Zeiten erzählen können. Die Hünenbergerinnen und Hünenberger haben sich eingesetzt und eine Kirche gebaut.

Aber eigentlich war es noch viel mehr. Gott hat sich diese Kirche gebaut. Sein Heiliger Geist hat bewirkt, dass sie gebaut wurde. Und so ist diese Kirche aus Stein nur ein Symbol dafür, dass Gott uns ein geistiges Dach gebaut hat. Die Kirche ist ein geistiges Zuhause – für alle Menschen!

Die Kirche als geistiges Zuhause: Unter diesem Gedanken ist hier über 40 Jahre gewirkt worden. Von Joseph Wicki und Markus Fischer, von Fritz Schmid und von tausenden von anderen engagierten Frauen und Männern, die verstanden haben, was das heisst: Wir sind Kirche. Und in aller Bescheidenheit sei die Frage erlaubt: Wie wäre es wohl in diesem Dorf ohne kirchliches/seelsorgliches/katechetisches Handeln?

Und jetzt sind wir dran, wir alle. Wir dürfen Gottes Haus zu einem Zuhause für alle ausgestalten. In den Gegebenheiten und mit den Herausforderungen, die uns heute entgegen kommen. Wir können und wir sollen dieses Dorf und unsere Umgebung christlich prägen. Unsere Zeit braucht das mehr denn je.

Ein geistiges Obdach für alle, eine solidarische Gemeinschaft für die Notleidenden, ein Zeichen der Einheit, auch in konfessioneller Verschiedenheit, ein streitbares Korrektiv für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, eine Dialogpartnerin für andere

Religionen, kurz, eine Gemeinschaft, die ausstrahlt. Das ist die geisterfüllte Zukunft, die Zeit des Heiligen Geistes! So ist Gottes Geist handfest und konkret.

Ein anderes Stück Literatur beschreibt das als eine Art Gegenentwurf zu Michel Houllebecq. Der Bibelwissenschaftler Friedolin Stier erzählt das so:
„Und dann kam das Wort Gottes zu einem namhaften Theologen, dessen Buch „Vom Wesen und Wirken des Wortes Gottes“ demnächst erscheinen sollte. ‚Sie kommen mir höchst gelegen?‘ sagte der Professor, ‚von meinem Buch haben Sie wohl schon gehört? Ich lese Ihnen gern einiges vor.‘ Das Wort Gottes nickte: ‚Lesen Sie, Herr Professor, ich bin ganz Ohr.‘ Er las, es schwieg. Als er zu Ende gelesen hatte, das Manuskript weggelegt hatte, sah er auf, und da sah er den Blick... Er wagte nicht zu fragen. Und dann endlich sprach das Wort Gottes: ‚Meisterhaft, Herr Professor, mein Kompliment! Aber – ob Sie es wohl verstehen? Wissen Sie, als Objekt betrachtet, besprochen, beschrieben, wird mir seltsam zumute, grad als ob ich meine eigene Leiche sähe... Einmal schreiben Sie, und das finde ich sehr treffend, ich wolle nicht primär Wahrheiten offenbaren – für wahr zu haltende Wahrheiten, sagten Sie - , ich wollte vielmehr den Menschen selbst. Das wär‘s, Herr Professor, das!‘ Und da war wieder dieser Blick: Das Wort Gottes erhob sich und ging zur Tür. ‚Was wollen Sie von mir?, schrie der Professor ihm nach. ‚Sie will ich‘, sagte das Wort Gottes, ‚Sie‘!“(F. Stier: Vielleicht ist irgendwo Tag, zitiert in Karl-Heinz Menke: Handelt Gott, wenn ich ihn bitte?, Regensburg 2000, S. 176.) 

Gott will uns. Heute an Pfingsten. Er will uns beleben und erfrischen und ermutigen. Er will durch uns in dieser Welt wirken. Gebe er uns seinen Geist dazu! Amen! 

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