Predigtnachlese

Aber Jesus findet sich mit diesem „Das gehört sich so! Das macht man so“ nicht einfach ab. Gleichzeitig sagt er aber auch nicht einfach: „Vergesst das mit dem Händewaschen und den anderen Vorschriften.“ Genau das macht mir Jesus so sympathisch. Er liefert eben keine einfachen Antworten oder nimmt Entscheidungen ab; auch wenn wir uns das oft wünschten, weil es dann einfacher wäre. Stattdessen fordert er die Menschen immer wieder neu heraus – seine Zuhörer damals und auch uns heute. Wir sollen selbst anfang- en nachzudenken über das, was wir täglich tun und was wir glauben. Wir sollen nicht ein- fach bei Äusserlichkeiten stehen bleiben, bei äusseren Formen, bei Formeln wie „Das macht man halt so“. Wir sollen in die Tiefe gehen, versuchen die Hintergründe und den Sinn neu zu verstehen, um unser Handeln so neu mit Leben zu füllen.

Denn eins macht Jesus mit dem heutigen Evangelium ganz klar: Äussere Handlungen, wie das Waschen von Händen oder Gefässen machen niemanden rein. Sondern entscheidend ist die innere Haltung; das, was dahinter steckt. Alles andere, so sagt er ganz deutlich, ist Heuchelei. Und das gilt ganz generell für den ganzen Glauben. Nicht die äussere Fassade zählt, sondern was dahinter lebendig gelebt und umgesetzt wird.
Damit fordert Jesus die Pharisäer heraus. Und auch uns heute – vor allem auch mich ganz persönlich. Wir sollen immer wieder hinter unsere eigenen Fassaden schauen.

Aber was heisst das? Wir feiern heute Chilbi, also den Weihetag der Kirche St. Wolfgang vor 640 Jahren. Aber geht es bei diesem Fest im Kern wirklich darum, ein Bauwerk aus toten Steinen zu feiern? Ich glaube, es geht um etwas ganz anderes! Nämlich darum, dass da Menschen waren, die in Gemeinschaft ihr Leben und Glauben derart miteinander geteilt haben, dass sie die Sehnsucht nach einem Ort hatten, wo das sichtbar wird. Wo sie sich versammeln können. Ihr Glaube, ihre innere Haltung sollte einen sichtbaren Ausdruck bekommen. Genau das ist ja auch bei unserer Pfarrkirche vor genau 40 Jahren geschehen. Sie war genau so ein Gemeinschaftsprojekt.

Wenn wir uns dessen heute bewusst werden, fordert es uns heraus, auch über unsere Kirche(n) nachzudenken. Ist die Kirche nicht auch in Gefahr, blosse Äusserlichkeit zu wer- den, zu einem Relikt aus einer anderen Zeit, die nicht mehr verständlich ist? Für wie viele Menschen beschränkt sich der Begriff „Kirche“ auf Bauwerke oder die Institution. Mit Blick auf Jesus sind wir herausgefordert, wieder neu zu begreifen, dass sich Kirche-Sein eben nicht auf das Besitzen einer Pfarrkirche oder den sonntäglichen Gottesdienst beschränkt, sondern dass es um mehr geht. Nämlich darum, lebendige Kirche zu sein oder zu werden. Wir sind es, die Kirche als lebendige Steine erst bauen, sie gestalten, lebendig und zu dem machen, wie Jesus es sich wohl gewünscht hat. Eine Kirche aus Menschen.
Ich glaube, dass wir mit „Kirche“ oft viel zu sehr unsere Bauwerke und die Institution mit ihrer Hierarchie meinen. Und ich finde es erschreckend, dass ein Bischof mit solchen Aus- sagen über Homosexuelle, wie wir sie vor kurzem gehört haben, die öffentliche Sicht und Meinung auf die kath. Kirche derart negativ beeinflussen kann. Auch, wenn er sie inzwischen relativiert und sich entschuldigt hat, so prägen seine Worte die aktuelle Diskussion über die Kirche. Und wie intensiv das geschieht, kann man bei der Plakataktion der Freidenkervereinigung sehen, die zum Kirchenaustritt aufruft und verkündet, wir Katholiken seien ja auch „Huonder“, da wir das System stützen würden. Und unterstellen gleichzeitig, dass wir genauso denken, wie er. Vielleicht passiert so etwas genau dort, wo wir aufgehört haben uns bewusst zu sein, dass wir genauso Teil dieser Kirche sind und als Getaufte mit königlicher, priesterlicher und prophetischer Würde die Kirche mitgestalten sollen und dürfen. Und wo wir auch von aussen nur als schweigende, nicht selbst denkende Masse wahrgenommen werden.

Wir sind also herausgefordert unsere Kirche heute wieder neu zu beleben und neu zu ent- decken, dass wir nicht einfach nur zu Konsumenten oder Zuschauern getauft worden sind, sondern zu lebendigen Zeugen unseres Glaubens, die mitwirken sollen. Bleibt aber die Frage, wie wir das tun können. Und wenn ich ehrlich bin: Mich fordert es jeden Tag aufs Neue heraus, diese Frage für mich zu beantworten. Vielleicht kann es bedeuten, das Be- wusstsein als gläubige Gemeinschaft wieder neu zu wecken. Sicher auch, wie es Jesus im ganzen Evangelium ja gefordert hat, sich – ganz bewusst – im täglichen Leben für seine Kernbotschaft einzusetzen, dass Gott nämlich da ist, dass er mich und jeden anderen so liebt wie er ist, und von daher für Gerechtigkeit und Menschenwürde zu kämpfen. Und vielleicht bedeutet es auch, dass wir uns als Glaubensgemeinschaft aber auch als Einzelne immer wieder neu die Frage stellen: Was hat unser Dorf, was haben unsere di- rekten Nachbarn oder die Menschen, mit denen wir zu tun haben, davon, dass wir, dass ich Christ bin? Warum hat Gott uns genau an die Stelle gestellt, an der wir sind? Und wie können wir mithelfen, dass der Glaube, der für viele leer, unnötig oder tot erscheint, sich wieder neu mit Leben und Sinnhaftigkeit füllt? Lassen wir uns herausfordern von Jesus, der oft so unbequem – und gleichzeitig dadurch so sympathisch ist. Amen.

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